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Kolumne: Gesellschaftskunde
Der rhetorische Kurs der Kanzlerin

Kolumne: Gesellschaftskunde: Der rhetorische Kurs der Kanzlerin
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Düsseldorf. Den einen Satz hätte sie am liebsten nicht gesagt. Doch Angela Merkel kann ihn nicht einfach aus der Welt schaffen. Dafür hat er zu viel zum Klingen gebracht. Von Dorothee Krings

Nun soll also Schluss sein. Basta. Keine "Wir schaffen das"- Auslegungen mehr. Und die Kanzlerin hat ja recht: Es ist viel "hineingeheimnist" worden in ihren Ruck-Satz. Jetzt hätte Angela Merkel ihn am liebsten nicht mehr gesagt, erklärt ihn neuerdings zur "Leerformel" und legt lieber neue Köder aus. Formeln wie "Deutschland wird Deutschland bleiben", mit denen sie auf dem Feld der Rhetorik schon mal probiert, wie politische Kehrtwenden ohne Abzüge in der Haltungsnote funktionieren.

Damit könnte es gut sein. Doch lassen sich Formulierungen, die etwas in sich tragen, das sie zu historischen Aussprüchen macht, nicht einfach stornieren. Das ist ja das Schöne an Sprache, dass sie ihr eigenes Leben führt und in ihrer Wirkung zumindest in Teilen unberechenbar ist. Und so bleibt die Frage, warum ausgerechnet die rhetorische Figur vom gemeinsamen Schaffen die Öffentlichkeit so nachhaltig beschäftigt.

Vermutlich liegt es am kämpferischen Potenzial dieses scheinbar harmlosen Satzes. All die Debatten über Willkommenskultur, überlastete Verwaltungen, kulturelle Differenzen lassen sich zu der einen Gewissensfrage verkürzen: Schaffen wir es oder nicht? Das scheidet die politischen Lager, ermöglicht eindeutige Sortierung in Willige und deren Gegner, schafft scheinbar Klarheit in einem längst ideologischen Kampf.

Natürlich ist alles komplizierter. Die Willigen beschleicht ja oft genug Skepsis, wenn sie die real existierenden Integrationsbemühungen in Deutschland erleben, und die Gegner wissen in Wahrheit auch nicht, wie all den Gestrandeten in Europa zu begegnen wäre, ohne gerade jene Werte zu verraten, die Deutschland so "lieb und teuer" sind. Doch diese Uneindeutigkeiten sind schwer auszuhalten. Einfacher ist es, sich für oder gegen eine Parole zu stellen, die vielleicht nur als harmlose Aufmunterung gemeint war. Aber auch das hat dazu beigetragen, dass der Satz so viel hin und her gewendet wird.

Denn diese Ärmel-hoch-Motivationsrhetorik, noch dazu mit einem uneindeutigen, aber irgendwie vereinnahmenden "Wir" ist höchst untypisch für den politischen Diskurs. "Wir schaffen das" klingt so optimistisch und selbstgewiss, das musste Skepsis und Häme provozieren. Denn traditionell wollen sich die Deutschen von Politikern nicht begeistern lassen, sie erwarten von ihnen Problemabwehr. Gefahren sollen erkannt, Lösungen kalkuliert werden. Möglichst effizient. Genau dafür hat Angela Merkel mal gestanden. Zu dieser Nüchternheit will sie nun zurück.

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