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Kolumne: Gesellschaftskunde
Die lebensfrohe Metropole ist ein Mythos

Terrorangst lähmt Städte wie Brüssel, Menschen trauern der Unbeschwertheit nach. Doch die friedliche Metropole für alle hat es noch nie gegeben. Von Dorothee Krings

Jahrhundertelang war die Stadt der sichere Ort. Umgeben von einer Mauer, mit Wächtern auf der Zinne. Erleichtert betraten Reisende diesen Schutzraum, legten die Waffen ab und die Angst, suchten Ruhe oder Vergnügen.

Mit dem Erstarken der Rechtsstaaten hat sich der friedliche Raum ausgedehnt, Reisewege wurden sicher, Stadtmauern überflüssig. Das hat dem Menschen Freiheit und Mobilität geschenkt. Er muss sich nicht mehr zur Reise rüsten, er springt einfach in den ICE. Doch genau diese Freiheit ist nun durch den Terror bedroht. Vielen Bürgern ist mulmig, wenn sie in Großbahnhöfen aus den Zügen steigen oder in den Innenstädten auf den Weihnachtsmarkt gehen. Schon soll es Sicherheitsschleusen an den privaten Thalys-Zügen geben. In Brüssel kann man beobachten, wie die Angst eine Stadt betäubt - und ihr damit das Wesen raubt, belebter, öffentlicher Ort zu sein.

Doch das Bild der unbeschwerten Metropole, in der die Menschen plaudernd beim Glas Wein sitzen, war auch schon vor den Anschlägen in Paris ein romantisches Ideal. In Wahrheit sind große Bevölkerungsgruppen von derlei Vergnügen ausgeschlossen, und abseits der Ausgehviertel werden soziale Kämpfe ausgetragen. Die Stadtmauern von einst sind nicht verschwunden, sie sind nur nicht mehr aus Stein. Nach wie vor gibt es Abschottung, Reiche grenzen sich von Armen ab, Aufsteiger von den Verlierern. Das geschieht unsichtbar etwa über die Mietpreise. Und manchmal auch offensichtlich, wenn Leute Zäune um ihren Besitz ziehen und ihre Kinder lieber zur Privatschule schicken.

Die Stadt als sozialer Ort funktioniert aber nur, wenn auch die Gesellschaft durchlässig ist, wenn es Kontakt zwischen Menschen unterschiedlicher Klassen gibt, wenn die Lebenswirklichkeiten einander berühren. Nur das verhindert Vorurteile, Ängste, Abschottung. Darum sind Bürger, die sich für das Miteinander engagieren, keine Traumtänzer, sondern die wahren Städter.

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Quelle: RP
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