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Gesellschaftskunde
Erlebnisse nachklingen lassen

Gesellschaftskunde: Erlebnisse nachklingen lassen
FOTO: Krings
Viele Menschen übertragen den schnellen Takt ihrer Arbeit auf die Freizeit und nehmen sich zu viel vor. Wer das Erlebte nicht mehr sacken lassen kann, hat aber nichts von all den Aktivitäten. Von Dorothee Krings

Eine längere Autofahrt alleine stand an, das Hörbuch war schon ausgesucht - doch erst auf der Autobahn fiel der Fehler auf: CD zu Hause vergessen. Die einsamen Kilometer hätten nun mit Sendungen aus dem Radio gut gefüllt werden können. Stattdessen ein Experiment: vier Stunden Stille - also Motorbrummen zu Fahrtwind. Dazu auf eine Tätigkeit konzentrieren, einfach fahren und warten, was alles aus dem zuletzt Erlebten auftaucht, Gedanke wird, das Innere beschäftigt.

Viele Menschen haben das Gefühl, kurzatmig zu leben, durch ihre Tage zu hasten, von Termin zu Termin zu jagen und dem eigenen Programm gar nicht hinterherzukommen. Gerade in den Ferien, wenn manche Anforderungen des Alltags nachlassen, fällt den Gehetzten auf, was da alles von ihnen abfällt. Dieses Gefühl, von sich selbst überholt zu werden, hat mit dem Phänomen der Beschleunigung zu tun. Die effizientere Gestaltung von Arbeitsabläufen sorgt für die Verdichtung des Arbeitsalltags in fast jeder Branche.

Freunde, Sport, Kultur - alles an einem Abend

Menschen, die damit Schritt halten wollen und müssen, sind oft so an die schnelle Taktung gewöhnt, dass sie das effiziente Denken auch auf ihre private Zeit übertragen. Sie packen sich die freien Stunden voll: Freunde, Sport, Kultur, möglichst alles an einem Abend - so stellt sich im Lauf der Zeit ein Gefühl der Überforderung ein.

Umso wichtiger ist es, sich selbst unverplante Zeit einzuräumen und Erlebnisse nachklingen zu lassen. Natürlich scheint es reizvoll, dieses und jenes Event noch "mitzunehmen", auch dieser Einladung zu folgen und jene Spätvorstellung noch hinten anzuhängen. Doch selbst wenn die Tage dehnbar scheinen, die menschliche Verarbeitungskapazität hat Grenzen. Und wenn man nur noch erlebt, nur noch wahrnimmt, die Dinge aber nicht mehr sacken lassen kann, hat man von all den Aktivitäten in Wahrheit wenig. Das Erlebte füllt zwar die Stunden, aber es erfüllt das Innere nicht.

Stillwerden muss man üben

Gerade Auto- oder Bahnfahrten sind gute Gelegenheiten, sich innerlich Raum zu verschaffen. Gerade, weil außen herum noch Leben und Bewegung ist, treten Gedanken zwanglos zutage. Menschen, die meditieren, haben oft damit zu kämpfen, dass radikalere Formen der Einkehr erst einmal viel Unrast und inneren Krach heraufbeschwören.

Stillwerden muss man üben. Sich bewusst Zeit zu nehmen, in der Erlebnisse nachklingen können, auch einfache Dinge wie ein guter Abend mit Freunden, ist dagegen keine schwere Übung. Solche Zeiten können dem Alltag Tiefe geben - und dem Leben längeren Atem.

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