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Kolumne: Gesellschaftskunde
Gute Erzähler werden seltener

Düsseldorf. Manchmal klappt es bei Familienfeiern noch: Menschen erzählen vergnüglich aus ihrem Jahr. Doch in Zeiten der Dauerkommunikation kommt vielen die Fähigkeit abhanden, Bedeutsames vom Belanglosen zu unterscheiden. Von Dorothee Krings

Weihnachten ist ja nicht nur das Fest der einen großen Kunde von Christi Geburt. Es ist auch ein Fest der vielen kleinen Geschichten, die erzählt werden, wenn Familien zusammenkommen und viel geschehen ist in den vergangenen Monaten und das Zeremoniell des "Vertellens", des vergnügten Berichtens aus dem Jahr, beginnt. Was man erlebt, erreicht, erlitten hat, wird dann weitergegeben, anekdotisch geschärft, vergnüglich überzeichnet, spannend überhöht, um die anderen teilhaben zu lassen, zu unterhalten, vielleicht zu beeindrucken. Zugleich wird das Jahr auch für den Erzähler selbst überschaubar, verwandelt sich in eine Kette kurzer Geschichten, berichtenswerter Momente, die vorläufig in Erinnerung bleiben werden.

Natürlich ist das eine Kunst: Gekonntes Erzählen verlangt nicht nur Originalität und Sprachvermögen, sondern auch ein feines Gespür für die Stimmung des Moments, für die Empfänglichkeit von Zuhörern, für ihren Humor, ihren Grad an Anteilnahme, ihre Interessen. Nichts öder als Menschen, die auf Sendung gehen, ohne ihr Gegenüber zu beachten, ohne zu fühlen, wann der Ball weiterzuspielen ist an den nächsten Berichterstatter in der Runde.

Dieses Erzählen im Freundes- oder Familienkreis schafft eine eigene Wirklichkeit, scheidet das Erzählenswerte vom Belanglosen, ordnet das Erlebte eines Jahres. Doch in Zeiten, da viele Menschen ihr eigenes Leben wie einen unendlichen Fortsetzungsroman behandeln, aus dem noch die kleinsten Details mitteilenswert erscheinen, gerät die Kunst des Erzählens unter Druck. Jede Information scheint heute gleich viel wert. Hauptsache, sie gibt etwas Privates preis - und ist das noch so bedeutungslos. Wo sich einer aufhält, was er sieht, trinkt, isst - alles kann in Echtzeit geteilt werden. Doch dieses Berichterstatten folgt keiner erzählerischen Strategie, keinem Spannungsbogen. Alles muss raus. So wird viel Irrelevantes in die Welt gepustet als Lebenszeichen, als sei die Mitteilung an sich der Herzschlag auf dem Überwachungsmonitor, der allen zeigt: Ich lebe.

Die größte Herausforderung beim Erzählen ist aber das Weglassen. Rücksichtslos, selbstvergessen muss der Erzähler sich von Details trennen, die nur ihn interessieren, ihm vielleicht schmeicheln, aber keine Relevanz besitzen.

Ein guter Erzähler achtet den Zuhörer mehr als sich selbst. Es ist eine Festtagsfreude, solchen Menschen zu begegnen. Und eine Herausforderung, ihre Kunst im Zeitalter des Plapperns und Vermeldens zu bewahren.

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Quelle: RP
 
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