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Kolumne: Gesellschaftskunde
Höchste Zeit, Unsicherheit zuzugeben

Kolumne: Gesellschaftskunde: Höchste Zeit, Unsicherheit zuzugeben
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Düsseldorf. In Diskussionen über die Flüchtlingsfrage herrscht Bekenntniszwang - und Diskussionen enden auch unter Freunden leicht in Kränkungen. Dabei gerät im ideologischen Streit das Wichtigste aus dem Blick: die Wirklichkeit. Von Dorothee Krings

Vielleicht war das in vielen Familien an den Osterfeiertagen so: freudiges Wiedersehen, Eiersuch-Zelebrationen, Schlecht-Wetter-Erörterungen, Kaffeetrinken, doch dann fiel das harmlose Geplauder irgendwie schwer. Denn Smalltalk vollzieht sich neuerdings vor düsterer Kulisse. Es gibt immer dieses Ernsthaftere im Hintergrund, über das man auch sprechen könnte. Sprechen müsste. Eigentlich.

Doch wird die Unterhaltung dann schnell erregt und kann Gräben ziehen mitten durch Familien. Denn in der Flüchtlingsfrage geht es schon lange nicht mehr um Fakten, Informationen, nüchterne Einschätzungen. Die Debatte ist inzwischen so aufgeladen, dass sie ständig nach Bekenntnissen verlangt. Bist Du für Flüchtlinge oder dagegen? Diese absurde Frage zielt auf Selbstauskunft, darauf, wie man sich die Gesellschaft wünscht, sich selbst darin sieht und den anderen. Und sie kennt keine differenzierten Antworten, nur Schwarz-Weiß-Auskünfte. Und die treiben immer in die Enge.

Es gibt Menschen, die in der aktuellen Erregtheit zur Flüchtlingsfrage eine neue Politisierung der Gesellschaft sehen und das begrüßen nach Jahren der großkoalitionären Lethargie. Es wird wieder um etwas gerungen, heißt es. Doch scheint in den Jahren gedanklicher Politabstinenz auch die Streitkultur gelitten zu haben. Vielleicht liegt es auch an den neuen Meinungs-Entäußerungskanälen, jedenfalls fällt es vielen Menschen schwer, im Gespräch für eine Weile die Perspektive des anderen einzunehmen, statt gleich loszubelehren, besserzuwissen, unmöglich zu finden.

Der Bekenntniszwang in der Flüchtlingsfrage verhindert, dass Menschen zugeben, dass sie vieles nicht genau wissen, nicht einschätzen und darum auch nicht bewerten können. Gerade weil es so viele Unwägbarkeiten gibt, wenn Tausende Verzweifelte sich auf den Weg nach Europa machen und ein bürokratisiertes Staatengebilde darauf eine Antwort finden muss, scheinen viele Leute sich nach Eindeutigkeiten und handfesten Meinungen zu sehnen. Und dann wird eben auch an der Kaffeetafel polemisiert - in alle Richtungen, gegen die "engstirnigen Fremdenhasser, die jedes Mitleid verlernt haben" genauso wie gegen "die total verblendeten Willkommenheißer, die noch nie im Flüchtlingsheim waren und alle Probleme schönreden".

Zugeben, dass man unsicher ist oder sich zuletzt geirrt hat: Das macht die offene Gesellschaft aus, die gerade wieder das Ziel verblendeter Terroristen geworden ist. Denn das setzt Diskussionen in Gang, in denen es nicht um ideologische Positionen geht, sondern um die Wirklichkeit.

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