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Kolumne: Gesellschaftskunde
Im Garten kann jeder Genügsamkeit lernen

Im Frühjahr treibt es die Menschen hinaus in die Natur. Sie können dort aufatmen, empfinden Entlastung. Wohl auch, weil in der Natur alles seinen Platz hat. Von Dorothee Krings

Nun zieht Deutschland wieder die Gummistiefel an und vergräbt Blumenzwiebeln in den Kübeln, damit der Frühling sich augenfällig ausbreiten kann. Gärtnern ist nicht nur eine körperliche Arbeit, die den Menschen an die frische Luft führt. Sie ist auch eine Form der Lebensgestaltung und der Kontaktaufnahme mit der Natur, aus der alles Leben kommt. Indem der Mensch Samen in den Boden steckt, sein Umfeld beackert, schlägt er selbst Wurzeln an dem Ort, an dem er lebt. Das kann Kraft geben.

Denn das Beglückende an der Natur ist, dass dort alles seinen Platz hat. Pflanzen bahnen sich ihren Weg zu Licht und Wasser, besetzen ihre Nischen, existieren im symbiotischen Miteinander. Der moderne Mensch dagegen muss ständig um seinen Platz in der Gesellschaft ringen, muss sich beweisen, vermarkten und im Konkurrenzdruck plausibel machen, warum er gebraucht wird.

Auch in der Natur überlebt nur, was sich anpasst. Doch diese Prozesse geschehen unsichtbar. Und so erscheint die Natur als ein gegebenes Ganzes. Darum tut es so gut, in die Natur zu gehen, einfach hineinzuspazieren in diesen Organismus, Teil von etwas Größerem zu werden, das gedeiht nach den ihm eingeschriebenen Gesetzen. Vielleicht empfinden darum so viele Menschen Erleichterung in der Natur. Sie sind dort nicht gefordert, sich selbst darzustellen. Sie müssen nichts beweisen, können einfach eine Weile sein. Mit der Selbstgenügsamkeit der Pflanzen.

Selbst wenn der Mensch gestaltend eingreift, wenn er Gärten anlegt - in strenger Symmetrie wie einst in den französischen Lustwandelanlagen des Barock oder in den heimlich gezähmten Landschaftsparks der Briten, stets sind bei aller Kultivierung des Wildwuchernden auch die Naturkräfte im Spiel. Sonne, Regen, Wind lassen wachsen oder sterben. Der Gärtner versucht sein Glück, wässert und düngt, verschiebt die Pötte, bis sie ideal im Licht stehen. Doch das alles sind Versuche, sind Annäherungen an die Kräfte der Natur, die eigenen Regeln gehorchen.

Im Haus kann der Mensch Herr sein - und das führt zu vielen Problemen. Im Garten ist er Gast, und kann Genügsamkeit studieren. Er verfällt dort nicht so leicht den Allmachtsfantasien, die doch gar nicht groß machen, sondern klein, weil sie so bedrängen. Denn wer alles kann, ist auch für alles verantwortlich. Im Garten scheitert dieses Denken. Das macht ihn zum Paradies.

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Quelle: RP
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