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Kolumne: Gesellschaftskunde
Klassenunterschiede beim Reisen

Kolumne: Gesellschaftskunde: Klassenunterschiede beim Reisen
FOTO: Krings
Düsseldorf. Wie Familien ihren Urlaub verbringen, ist keine reine Luxusfrage. Ökonomische Unterschiede wirken sich auch auf spätere Chancen von Kindern aus. Manche fühlen sich darum berufen, die Freizeit von Jugendlichen mitzugestalten. Von Dorothee Krings

Die Ferien sind ein guter Gradmesser für die wachsenden sozialen Unterschiede in der Gesellschaft. Da sind die Familien, die gerade Flieger besteigen, die sie an weit entfernte Ziele bringen. Ein Urlaub in Afrika, Kanada oder ein paar Tage New York sind inzwischen für manche Familien auch mit mehreren Kindern durchaus in Reichweite. Zugleich gibt es die Hierbleiber, Kinder, die ihre Tage im Freibad oder mit Jugendgruppen in Naherholungsgebieten verbringen, weil für Exotischeres das Geld nicht reicht.

Natürlich ist überhaupt nicht gesagt, welcher Urlaub für die Kinder erfüllter sein wird. Am Ende zählen immer die menschlichen Bindungen, die ein Jugendlicher aufbauen konnte. Jahre später wird er sich sicher eher an den besten Freund auf dem Zeltplatz erinnern als an irgendwelche Besichtigungsziele - und seien sie noch so spektakulär.

Allerdings macht es doch einen Unterschied, ob ein junger Mensch schon während seiner Schulzeit einen Eindruck von anderen Kulturen bekommen, sein Schulenglisch, -spanisch oder -französisch mal ausprobieren konnte oder ob die Nachtwanderung durch den Wald in der Eifel die Herausforderung seiner Sommerferien war.

Die Deutschen werden oft belächelt für ihre Sehnsucht nach sozialer Ausgewogenheit. Und natürlich sind die Unterschiede, die sich da im Urlaub abzeichnen, im Vergleich zu den Verhältnissen in vielen anderen Ländern lächerlich gering. Auch das kann man auf Reisen erleben. Doch gerade beim Thema Ferien wird deutlich, dass es zu einfach ist, Gleichheitsdebatten als Sozialneid abzutun. Den gibt es sicher auch. Der rheinische Gelassenheitsgrundsatz "Man muss och jönne könne" mag manchen Leuten schwer fallen. Ökonomische Unterschiede werden aber immer dann brisant, wenn sie sich auf die Chancen von Menschen auswirken, wenn es nicht nur um Vergnügen, um ein bisschen mehr oder weniger Luxus geht, sondern etwa darum, wie junge Menschen sich die Welt erschließen, was sie entdecken dürfen, wie sie sich ausprobieren und so fort.

Darum ist es keineswegs zu belächeln, wenn Menschen sich aus Ungerechtigkeitsempfinden um Ausgleich bemühen und etwa als Begleiter von Jugendgruppen etwas von ihrer Sommerzeit hergeben. Oder wenn Familien, die sich mehr leisten können, einen Schulfreund der eigenen Kinder mit in die eigenen Ferien nehmen. Es sind diese kleinen Entscheidungen, die einen Unterschied machen. Sich um Chancengerechtigkeit zu bemühen, ist ein Dienst an der Gesellschaft.

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