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Kolumne: Gesellschaftskunde
Den positiven Blick bewahren

Düsseldorf. Eine Gesellschaft wird mit Problemen besser fertig, wenn sie sich positive Ziele setzt und Kräfte mobilisiert. Das gilt auch für die Flüchtlingsfrage, die fast nur noch negativ wahrgenommen wird. Warum eigentlich? Von Dorothee Krings

Gerade in Wahlkampfzeiten kann man beobachten, wie Themen sich wandeln, wie sie einen Rahmen bekommen, der unsere Wahrnehmung lenkt. Über Flüchtlinge etwa wird fast nur noch im Problemmodus gesprochen: Wohnungsmangel, Bildungsschwierigkeiten, Kriminalität, Abschiebung und so fort. Das sind alles wichtige Themen, und die Gesellschaft muss sie kennen, um Lösungen zu finden. Doch unbemerkt haben sich die Wahrnehmungsmuster verändert, gibt der Problemfall vor, wie wir denken.

Natürlich gibt es auch Erfolgsgeschichten. Man erzählt sich noch von Kindern in der Schule, die erstaunlich schnell Deutsch lernen, oder von Jugendlichen, die neues Leben in den Fußballverein bringen, oder von Menschen in der Nachbarschaft, die ihren Platz finden, von Einheimischen mit viel Energie auf dem Weg in die neue Gesellschaft begleitet werden. Doch selbst in diesen Geschichten schwingt die Negativerwartung mit. Der geglückte Fall ist die positive Ausnahme.

Dabei hat es zu Beginn der großen Flüchtlingsbewegung noch die weit verbreitete Einsicht gegeben, dass Zuzug für ein alterndes Land wie die Bundesrepublik notwendig ist. Und dass Gesellschaften, die sich abschotten, ihre Innovationskraft und globale Anschlussfähigkeit verlieren. Und das war keineswegs nur naive Euphorie der später so gescholtenen Bahnhofs-Willkommenheißer. Positive Erwartungen an die Zuwanderung - durchaus eigennützig, denn mit ethischen Prinzipien hat das alles gar nichts zu tun - waren auch nicht das Markenzeichen einer urbanen Elite, die in gentrifizierten Großstadtvierteln lebt.

Vielmehr gab es ein selbstverständliches Wissen darum, dass uns bald viele Pfleger, Lehrer, Facharbeiter fehlen werden. Und dass ein Land nur erfolgreich bleibt, wenn es kluge Strategien entwickelt, neue Menschen aufzunehmen und ihnen Aussichten zu verschaffen, für sich zu sorgen. Flüchtlinge, die in den vergangenen Monaten gekommen sind und schon hier leben, nun massenweise abzulehnen und ihnen damit die Möglichkeiten zur Eigeninitiative zu nehmen, hilft niemandem.

Vielleicht musste es einen gewissen Ernüchterungsschub geben. Deutschland muss seine Einwanderungspolitik von der Kontrolle der Grenzen über die Kriterien zum Bleiberecht bis zur Bildung und Ausbildung überarbeiten, damit aus Hoffnungen auf beiden Seiten nicht Frust, Aussichtslosigkeit, Gewalt werden. Doch diese Debatte sollte nicht in der Haltung der Abwehr und der Negativerwartungen geführt werden, sondern mit positivem Selbstbewusstsein. Dafür gibt es genug Gründe, wir sollten sie wieder sehen lernen.

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