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Kolumne: Gesellschaftskunde
Warum Lederschuhe verschwinden

Manchmal schlagen sich gesellschaftliche Veränderungen in profanen Alltagsdingen nieder: etwa in der Schuhwahl. Von Dorothee Krings

Die Gegenwart verlangt, wendig, schnell, auf dem Sprung zu sein. Überall sind ja die Gewissheiten weggebröckelt. Arbeit, Familie, Freundschaft - nichts scheint mehr selbstverständlich auf Dauer gestellt. Überall muss der Mensch sich anpassen, muss schnell reagieren, wenn sich die Bedingungen komplett verändern, darf seine Chancen nicht verpassen. Es sind die großen politisch-ökonomischen Zusammenhänge, die sich im Alltag so niederschlagen, die dem Einzelnen das Gefühl geben, nicht mehr sicher an Land zu stehen, sondern in einen Fluss geworfen zu sein. Manchmal trägt dieser Fluss, manchmal reißt er alles mit sich fort. Vor allem aber ist er immer in Bewegung.

Das Gebot ständiger Anpassung und höchster Beweglichkeit prägt das Leben bis hinein in die Banalitäten des Alltags. Man muss den Leuten nur mal auf die Füße schauen: Kaum jemand trägt noch Lederschuhe. Als seien die zu schwer, zu stabil, zu unnachgiebig für die neue Zeit. Alle sind auf Turnschuhen unterwegs, in diesen leichtgewichtigen Tretern mit den federnden Sohlen und immer neuen Materialien, die noch hipper, noch zukunftsgewisser wirken sollen.

Turnschuhe stillen ja gleich zwei Bedürfnisse: sich sportlich zu geben, fit und flexibel. Und durch die Wahl der Marke noch etwas über sich auszusagen, die eigene Identität abzustecken, das Konsumenten-Ich zu definieren. Manche Leute sind eben vorn dabei, wissen, welcher Rapper oder Basketballer in den USA gerade welches Modell propagiert. Das ist dann nach künstlicher Verknappung kaum zu ergattern. Die Kenner müssen sich im Internet auf die Lauer legen, vor exklusiven Schuhgeschäften Schlange stehen, an Verlosungen teilnehmen, in Versteigerungen Nerven bewahren. Es ist schon irre, wie eine Branche Leute dazu bringt, einen beachtlichen Teil ihrer Zeit und Energie darauf zu verwenden, Käufer zu werden. Und dann noch Preise zu zahlen, die mit Gegenwert nicht mehr viel zu tun haben.

Lederschuhe dagegen erzeugen keine Zugehörigkeit. Sie verkörpern keine Geschichte, kein Lebensgefühl. Sie sind solide. Selbst wenn sie elegant geschnitten, hochwertig verarbeitet sind, strahlen sie diese Verlässlichkeit aus. Und die passt nicht mehr in eine Welt, die auf Warenumsatz, auf schnellen Austausch der Produkte, auf Wandel setzt. Darum breitet der Turnschuh sich aus auf den Straßen, Schulhöfen, in den Betrieben und verdrängt seinen ledernen Vorgänger. Generation Leichtfuß - wahrscheinlich ist es mehr als eine Mode.

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Quelle: RP
 
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