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Kolumne: Gesellschaftskunde
Lob der Großzügigkeit

Großzügigkeit wird oft als Spendierfreude missverstanden. Dabei erweist sich Großzügigkeit vor allem darin, die falschen Dinge nicht zu genau zu nehmen und mit größtmöglicher Gelassenheit zu leben. Von Dorothee Krings

Für Aristoteles war sie eine Tugend - ein edles Maß der Mitte zwischen Geiz und Verschwendungssucht: Großzügigkeit. Doch wird man dieser Tugend kaum gerecht, wenn man sie schlicht als Punkt zwischen zwei schlechten Extremen beschreibt. Großzügigkeit ist ja eine Haltung, ein Wesenszug, eine Einstellung zum Leben, die nicht nur damit zu tun hat, welchen Stil man pflegt, wie viel Geld man ausgibt, ob man sich etwas gönnt und den anderen auch. Großzügigkeit zeigt sich auch darin, dass man über Schwächen hinwegsieht, sich nicht über Nichtigkeiten erregt, fünfe gerade sein lässt.

Das ist kein Plädoyer für Ungenauigkeit, Schlampigkeit, Relativismus. Großzügig sein bedeutet gerade nicht, dass einem alles egal wäre, die anderen machen könnten, was sie wollen. Der Großzügige weiß im Gegenteil sehr genau, was ihm wichtig ist, was für ihn zählt. Darum kann er ja gerade über das Unwesentliche hinwegsehen. Er ist eben kein Pedant, der alles wichtig nimmt. Oft aus Unsicherheit, aus Mangel an Unterscheidungsvermögen.

Der Großzügige hat die Fähigkeit, großzügig über Kleinigkeiten hinwegzusehen, weil er verzeihen kann. Und das setzt voraus, dass man sich in andere Menschen hineinversetzen und sich ausmalen kann, warum Fehler geschehen. Oder warum Dinge anders laufen, als man erwartet. Großzügigkeit setzt also eine gewisse geistige Beweglichkeit voraus. Darum sind großzügige Menschen meist fantasievoll, rege und angenehm im Umgang. Und das nicht, weil sie ständig alle Rechnungen beglichen. Sie halten sich nur nicht mit Puzzeleien auf, dafür ist ihnen die Lebenszeit zu schade.

Es gibt Beobachter der Gegenwart, die ein neues Zeitalter der Großzügigkeit heraufziehen sehen. Nach Jahren des Raffens werde immer mehr Menschen klar, wie viel Freude es macht, anderen abzugeben von eigener Zeit, eigenem Wissen, eigenem Geld. Die Ego-Gesellschaft habe abgedankt, der Sharing-Gedanke werde wichtiger, weil Menschen die Erfahrung machten, dass nur Großzügigkeit wirklich reich macht.

Tatsächlich ist das wohl eine Frage der Erfahrung. Man muss erleben, wie froh es macht, sich großzügig zu zeigen - ob man nun mit Geld etwas Gutes tut oder sich im Umgang mit anderen gütig zeigt. Großzügigkeit kann dann auch darin bestehen, das Wohlwollen eines anderen anzunehmen, ohne sich beschämt zu fühlen. Letztlich ist Großzügigkeit also nicht so sehr ein Mittelmaß, kein Ausgleich zwischen Geiz und Verschwendung, sondern ein Zeichen von Freiheit.

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Quelle: RP
 
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