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Kolumne: Gesellschaftskunde
Moderne Kunst ist ein Lackmustest für Toleranz

Kolumne: Gesellschaftskunde: Moderne Kunst ist ein Lackmustest für Toleranz
FOTO: RP
Düsseldorf. Der Konzert-Eklat in Köln offenbart, wie viel Ressentiment gegenüber dem Fremden in bildungsbürgerlichen Schichten schlummert. Und dass die Hemmungen schwinden, Frust einfach rauszulassen. Von Dorothee Krings

Mehr als sechs Millionen Menschen haben in der Sendung von Anne Will verfolgt, wie aus "Wir schaffen das" der Satz "Ich habe einen Plan" geworden ist – also aus einem emotionalen Appell die nüchterne Berufung der Kanzlerin auf eine europäische Strategie, die sie für vernünftig und darum für alternativlos hält.

Nun hat Nüchternheit in aufgewühlten Zeiten etwas Wohltuendes. Und viele Menschen waren bisher Merkel-Anhänger, weil sie die Konsequenzen ihres Handelns durchgeht wie eine Schachspielerin, die viele Züge im voraus im Blick hat. Allerdings neigen Menschen, die auf Vernunft bauen, dazu, die Macht von Emotionen wie Angst, Neid, Kränkung zu unterschätzen. Und es kann gefährlich werden, wenn die Vernünftigen die Irrationalität der anderen unterschätzen.

Wer hätte für möglich gehalten, dass in der Stadt, die mal an der Spitze der Neue-Musik-Bewegung stand, das Publikum gegen die eher gefällige Moderne eines Steve Reich pöbeln würde? Und dass ein älteres Klassikpublikum einen Musiker iranischer Herkunft niedermacht, weil der sich auf Englisch äußert?

Moderne Kunst war immer ein Lackmustest für Toleranz, für die Bereitschaft in einer Gesellschaft, sich mit Unbekanntem zu beschäftigen, auszuhalten, wenn sich etwas nicht sofort erschließt. Darum sind die Vorfälle in der Kölner Philharmonie erschreckend, und es ist bedenklich, wenn das in den sozialen Netzwerken mit "Hurz!" kommentiert wird, als sei es darum gegangen, musikalischen Mumpitz zu entlarven wie einst Hape Kerkeling als verkleideter Tenor.

In Wahrheit hat sich in diesem Konzert gezeigt, wie viel Intoleranz in Teilen der Gesellschaft schlummert und wie unverfroren sie sich inzwischen äußern darf. Nicht nur in Sachsen, auch im jovialen Et-hät-noch-immer-jot-jejange-Köln.

Es war sicher unglücklich, die Einführung des Musikers nicht zu übersetzen. Doch einen Künstler, den man nicht versteht, gleich mundtot zu machen, ist mehr als "schlechte Erziehung". Das Publikum kann Türe schlagend den Saal verlassen oder nach dem Stück buhen. Doch ein Konzert durch Pöbeleien zu zerstören, hat eine andere Qualität. Es offenbart sich darin Aggressivität gegen das Fremde, gepaart mit der Borniertheit eines Wutbürgertums, das immer dann auf freie Meinungsäußerung pocht, wenn es in Wahrheit um Verunglimpfung geht. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der aktuellen Flüchtlingsdebatte und dem Eklat in Köln. Denn es ist das gesellschaftliche Klima, das solche Ausfälle möglich macht.

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