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Kolumne: Gesellschaftskunde
Protestwahlen sind emotionale Entladungen

Auch populistische Parteien in Europa haben keine Idee, wie mit den globalen Migrationsbewegungen umzugehen wäre. Müssen sie auch nicht. Denn sie werden nicht als politische Option gewählt, sondern um Wut und Aggressionen rauszulassen. Von Dorothee Krings

In der aufgeklärten Gegenwart gibt es ja kaum noch sichtbare Autoritäten, kaum noch Zwang, der offen ausgeübt würde. In den Schulen wird nicht mehr geschlagen, zur Bundeswehr meldet man sich freiwillig, in der Arbeitswelt treiben vor allem Konkurrenzdruck und Hunger nach Anerkennung Menschen zu Leistung an. Die Macht ist diffundiert, ist zum Zwang der Verhältnisse, der Zielvereinbarungen und Beförderungsstufen geworden. Das erzeugt nicht Rebellentum wie früher, sondern heimliche Wut wegen all der Ohnmacht.

Menschen fühlen sich diffus benachteiligt, bedrängt, bedroht und spüren, dass sie dagegen wenig tun können. Dass sie ihr Leben viel weniger in der Hand haben, als die modernen Formeln von der Selbstverantwortung suggerieren. Und dann gibt es noch die mächtigen Ereignisse, die dem kleinen Bürger sein Ausgeliefertsein vorführen und den Einzelnen bibbernd zurücklassen wie früher Blitz und Donner: Terroranschläge, Börsencrashs, Wirtschaftskrisen sind die Gewitter der Neuzeit.

Da bleibt vielen Menschen als Mittel zur emotionalen Entladung nur die Protestwahl. Denn das ist eine öffentliche Gefühlsäußerung, keine politische Entscheidung für irgendein Programm. Darum ist es auch müßig anzumerken, dass populistische Parteien wie die AfD keine Idee dazu haben, wie mit den globalen Migrationsbewegungen der Gegenwart umzugehen wäre. Die trügerischen Zäune-hoch-Parolen sind aggressive Leerformeln, sie bedienen Abgrenzungsbedürfnisse. Eine bestimmte Personengruppe soll dazugehören, eine andere nicht. Wer meint, das bestimmen zu können, fühlt sich mächtig. So hat Ausgrenzung schon immer funktioniert. Das Bedürfnis danach ist ein Symptom für den Grad der Kränkung, den ein Teil der Bevölkerung empfindet. Sie betrifft Menschen in allen sozialen Schichten, die sich ihrer Position im Statusgefüge nicht sicher sind, an denen bewusst oder unbewusst Ängste nagen und die irgendwohin müssen mit der Aggression, die das erzeugt.

Die vielfach diagnostizierte Verunsicherung der Deutschen hat wohl auch damit zu tun, dass Menschen in einer pluralistischen Gesellschaft selbst nach der Verankerung suchen müssen, die ihrem Leben Halt gibt. Konsum allein trägt nicht. Der Mensch muss sein Dasein auf etwas jenseits seiner Kaufkraft bauen, das ihn noch stärkt, wenn die Dinge nicht so laufen. Sonst ist er seinen Absturzängsten schutzlos ausgeliefert. Doch entspricht es gerade nicht dem Zeitgeist zu fragen, was dem befreiten Ich diesen Halt bieten kann. Und was nicht.

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Quelle: RP
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