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Kolumne: Gesellschaftskunde
Veränderung ist noch kein Wandel

Heute steht hoch im Kurs, was neu auf dem Markt ist. Deshalb muss alles ständig neu erfunden werden - auch der Mensch selbst. Meistens geht es dabei aber nur um eine neue Verpackung. Von Dorothee Krings

Nun tritt also Anne Will an, sonntagabends ein Thema in die Woche zu werfen, wie einen Köder für das öffentliche Spiel in der Mediendemokratie. Eine schlaue, in vielen Fernsehjahren abgehärtete Frau löst Günther Jauch ab - einen Mann, der sich den jungenhaften Charme des gewitzten Pennälers trotz seiner vielen Fernsehjahre wahrscheinlich bis zur Rente bewahren wird. Das Personal wechselt, die Formate bleiben. Natürlich ist das kein Wandel, sondern nur eine Veränderung.

Die aber steht in unserer Zeit hoch im Kurs. Denn heute wird wenig darauf geachtet, ob die Dinge nur die Hülle ändern, ihr Erscheinungsbild, die Oberfläche, oder ob sie reifen, sich fortentwickeln, einen echten Wandel vollziehen. Es braucht nämlich Ruhe, Scharfblick, Unabhängigkeit, um den Unterschied auszumachen. Eine Unbestechlichkeit im Urteil, die auf Ernsthaftigkeit beruht. Doch dafür fehlt oft die Muße; sind die Moden zu schnelllebig, die Reize des Neuen, angeblich Innovativen zu verführerisch, dafür werden Hypes zu sehr gehypt.

Wann ist es losgegangen, dass nichts bleiben durfte, wie es ist? Dass sich Menschen nur noch im Andersmachen, Ausprobieren, Vornewegsein beweisen konnten? War das in den 80er Jahren, als Madonna berühmt wurde und mit ihr die Formel des Sich-selbst-neu-Erfindens? Ist es Zufall, dass damals jene Form des Hedonismus begann, die von Maßhalten, Börsenblase, schwindenden Ressourcen nichts wissen wollte, sondern das Ego feierte, in seinen schillernden, selbstverliebten Auftritten?

"Stillstand ist der Tod", textete Herbert Grönemeyer Ende der 90er Jahre in seinem Song "Bleibt alles anders". Dazwischen changiert das Lebensgefühl noch immer. Eigentlich sehnen sich in verunsicherten Zeiten viele nach Beständigkeit, nach dem, was bleibt. Aber es darf sich als solches nicht zu erkennen geben. Es muss anders scheinen, neue Formen annehmen, Innovation behaupten, frisch auf dem Markt sein. Wenn Leute heute mit dem Willen zur Nachhaltigkeit gediegene Produkte kaufen, all die Angebote aus den "Manufakturen", behalten sie diese Dinge in Wirklichkeit ja oft gar nicht länger. Denn es ist schwer geworden, einen Gegenstand einfach so lange zu verwenden, bis er den Dienst versagt, auch wenn die Freunde längst über die Vorteile neuer Produktgenerationen fachsimpeln.

Nachhaltig zu leben, heißt nicht nur, teurer einzukaufen, sondern weniger. Es ist Zeit, nicht mehr über Veränderung zu sprechen, sondern über den Wandel durch Verzicht.

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Quelle: RP
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