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Kolumne: Gesellschaftskunde
Vom Glück, das Neueste zu verpassen

Kolumne: Gesellschaftskunde: Vom Glück, das Neueste zu verpassen
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Düsseldorf. Fomo – das ist das Kürzel für die Angst, etwas zu verpassen. Manche Menschen setzen deswegen auf dauernde Erreichbarkeit, doch kann man sich von Fomo auch anders befreien. Von Dorothee Krings

Probleme sind ja meistens das geringste Problem. Sie stehen klar und kantig im Leben und verlangen nach einer Reaktion. Irgendwann ist die gefunden, Problem gelöst. Viel belastender sind für die meisten Menschen diffuse Gefühle, die den Alltag grundieren, ihm eine gewisse Tönung geben, die unterhalb der Reflexionsschwelle liegt. Das können euphorische Stimmungen sein wie bei Verliebten, die sich fühlen, als habe man sie in ein Energiebad getaucht und als sei das Leben ein verspieltes Abenteuer. Doch es gibt auch Phasen, in denen Menschen diffus erschöpft oder ängstlich sind und sich überfordert fühlen, ohne benennen zu können, wovon. Solche Empfindungen sind mächtig - und schwer beherrschbar.

Das war sicher schon immer so, wenn auch das Sensorium für solche Stimmungen früher womöglich weniger ausgeprägt war. Aber es gibt Gefühlslagen, die neu hinzukommen, weil sie mit Entwicklungen der Gegenwart zu tun haben. Etwa die Verpassensangst, jenes nervöse Gefühl, irgendetwas nicht mitzubekommen und deswegen abgehängt zu sein.

Verpassensangst wird dadurch verstärkt, dass es im Internet immer mehr Kanäle gibt, in denen Menschen sich in Wort und Bild austauschen und damit Wirklichkeiten schaffen, an denen andere teilhaben – oder eben nicht. Bei Verpassensangst geht es also weniger um die Furcht, irgendeine Information zu spät zu erfahren, als vielmehr um die soziale Angst, Außenseiter zu werden, keine Stimme zu haben, abgemeldet zu sein.

Verpassensangst ist ein Phänomen, das mit den neuen Kommunikationsstrukturen entstanden ist und sein eigenes Kürzel bekommen hat: Fomo (Fear Of Missing Out). Sie hat zur Folge, dass Menschen auf Dauererreichbarkeit schalten, das Handy nicht mehr aus den Augen lassen, ständig E-Mails checken, obwohl sie das eigentlich bedrängt. Sie klagen über den Stress in ihrem Alltag und schaffen es doch nicht, die Hauptquelle dafür einfach abzuschalten. Denn es geht in Wahrheit eben nicht um die verpasste Nachricht vom Chef, sondern um die alte Furcht vor dem Außenseitersein.

Doch der Einzelne ist dem nicht ausgeliefert. Längst gibt es die Gegenbewegung: Jomo (Joy Of Missing Out) - also das Glück des selbstbestimmten Ausstiegs aus der Verpassens-Angstspirale. Menschen haben erkannt, dass es nicht schlimm ist, wenn sie sich in ihrem virtuellen Leben Aus-Zeiten nehmen, etwa das Handy abschalten, weil sie gerade mit Freunden oder der Familie zusammensitzen - und ihnen ihre gesamte Aufmerksamkeit schenken wollen. Verpassen kann man nicht nur die neueste Aufregung im Netz, sondern auch das reale Leben.

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