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Kolumne: Gesellschaftskunde
Warum Populisten gern Dreistigkeit unterstellen

Kolumne: Gesellschaftskunde: Warum Populisten gern Dreistigkeit unterstellen
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Düsseldorf. Unverschämte Menschen machen andere besonders wütend. Darum ist es so gemein und so gefährlich, schwächere Menschen als dreist zu diskreditieren. Von Dorothee Krings

Kaum ein Verhalten macht Menschen so wütend wie Dreistigkeit. Das hat wohl damit zu tun, dass dreiste Menschen uneinsichtig sind. Sie fügen anderen Unrecht zu, missachten Regeln oder begehen Fehler, zeigen aber kein Bedauern. Meist überspielen sie ihr Verhalten durch betonte Lässigkeit. Als sei der wütende Betroffene das eigentliche Problem. Man kennt das etwa von Leuten, die bei Rot über die Ampel gehen. Wird gehupt, schlendern sie betont langsam, lächeln – und potenzieren den Zorn.

Bemerkenswert ist, dass der Begriff Dreistigkeit ursprünglich verwendet wurde, wenn Menschen niederen Standes "sich erdreisteten", ein Verhalten zu zeigen, das ihrer Stellung nicht entsprach. Da trug das Zimmermädchen plötzlich herrschaftlichen Sonntagsputz, oder ein Bursche hielt beim Handwerksmeister um die Hand der Tochter an. Das waren Dreistigkeiten, denen etwas Rebellisches innewohnte, Auflehnung gegen ein Standesdenken, das von der Zeit schon bald überholt werden sollte.

Mit wachsender formaler Gleichheit der Bürger bekam die Dreistigkeit zumindest an der Oberfläche eine gemeine Note, etwas vulgär Trotziges, Unverbesserliches, das andere Leute aufbringt.

Vielleicht macht Dreistigkeit aber nur deswegen so wütend, weil sich im Recht zu wähnen auch nur eine Form von Dünkel ist. Weil der Dreiste sich insgesamt für überlegen und eigentlich für unangreifbar hält.

Es ist daher besonders bösartig, wenn anderen Dreistigkeit unterstellt wird. Dreiste Arbeitslose, dreiste Flüchtlinge, dreiste Hartz-IV-Empfänger: Meist sind es Menschengruppen aus unteren sozialen Schichten, denen unangemessenes Verhalten vorgeworfen wird – aus einer Position der Überlegenheit heraus. Dann ist auch egal, ob es wirklich stimmt, dass "Hartzler" mit dem Taxi einkaufen fahren. Die selbstgefällige Wut der Bessergestellten ist schon allein durch die Vermutung geschürt. In Zeiten, da Populisten wieder mehr den Ton bestimmen, gilt es, bei solchen Behauptungen wachsam zu bleiben. Manchmal ist auch nur der Vorwurf dreist.

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