| 07.33 Uhr

Kolumne: Gesellschaftskunde
Wir müssen "kleine Menschen groß machen"

In Mönchengladbach ist gestern Probst Edmund Erlemann beerdigt worden, der die Ideen der katholischen Arbeiterbewegung in die Gegenwart getragen hat. Seine Forderung, schwachen Menschen aufzuhelfen, ist so aktuell wie nie.

Die Ungleichheit wächst in diesem Land. Jeder fünfte Deutsche ist laut einer aktuellen Auswertung des Statistischen Bundesamtes inzwischen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. 16,5 Millionen Menschen sind das - 300.000 mehr als im Jahr zuvor. Das ist an sich schon bedenklich, doch mit der Armut wächst auch die Gewöhnung, verstärkt sich die Tendenz vieler Menschen, Armut für Schicksal zu halten und Ungleichheit für eine menschliche Konstante. Das ist bequem, denn dann geht Armut niemanden mehr etwas an.

Natürlich unterscheiden sich Menschen in ihrer Begabung, ihrem Ehrgeiz, ihrem Wesen. Und natürlich haben diese Unterschiede Auswirkungen darauf, wie ein Mensch sein Leben führen kann, welchen Bildungsgrad er erreichen wird, woran er sich beteiligen kann und will. Die entscheidende Frage aber ist, wie die materiellen Voraussetzungen für ein erfülltes Leben verteilt sind. Ob es Bemühungen in der Gesellschaft gibt, soziale Unterschiede auszugleichen, Bildungschancen unabhängig zu machen von Geld oder Herkunft und Stärkere dazu zu bringen, Schwächeren aufzuhelfen.

Es scheint, als sei selbst diese Utopie von einer gerechten Gesellschaft inzwischen in Verruf geraten. Als habe sich mit dem Ende des Sozialismus auch das Nachdenken über Klassenunterschiede erledigt. Dabei wird sich gerade im Umgang mit den vielen Menschen, die derzeit als Flüchtlinge zu uns kommen, zeigen, ob die Deutschen an einer Gesellschaft arbeiten wollen, die sich um Ausgleich bemüht. Oder ob sie das Auseinanderdriften der sozialen Schichten hinnehmen und es jedem Einzelnen aufbürden, sich nach Möglichkeiten vor den Konsequenzen zu schützen. Gibt es eine soziale Utopie, die Deutschland eint und Menschen mobilisiert? Das wird sich erweisen müssen.

"Kleine Menschen groß machen" - für Probst Edmund Erlemann war diese Formel der Nächstenliebe ein Gebot für jeden, der die Nachfolge Jesu ernst nimmt. Gestern ist der Pfarrer aus Mönchengladbach unter großer Anteilnahme beerdigt worden - ein Geistlicher, der die Menschen bewegt hat, weil er klar benannte, wo Ungleichheit Ungerechtigkeit bedeutet. Und der die Starken nicht aus der Verantwortung entlassen wollte. Das hat ihn glaubwürdig gemacht - und seine Idee von Kirche auch. Eddi Erlemann hat es denen, die sich Christen nennen wollen, nicht einfach gemacht. "Kleine Menschen groß machen" - sein Satz klingt kinderleicht und wiegt doch schwer. Er ist sein Vermächtnis - und unser Auftrag.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Kolumne: Gesellschaftskunde: Wir müssen "kleine Menschen groß machen"


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.