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Kolumne: Gott Und Die Welt
Ältere wollen kein Mitleid, sondern Mitwirkung

Wenn es normal wird, 100 zu sein, dann müssen wir dem Alter mehr Wertschätzung entgegenbringen. Alt und Jung haben sich viel zu sagen.

Bald ist es normal, 100 Jahre alt zu werden", titelten Zeitungen vor einiger Zeit und belegten ihre Überschrift mit Zahlen: Schon heute leben mehr als 18.000 Hundertjährige in Deutschland, 2025 werden es fast 50.000 sein. Wissenschaftler behaupten sogar, dass jedes zweite heute in Deutschland geborene Kind gute Chancen hat, 100 Jahre alt zu werden.

Was bedeutet das für uns und unsere Gesellschaft? Wenn es tatsächlich normal wird, 100 Jahre alt zu sein, dann sollte es auch normal werden, ältere Menschen viel mehr als jetzt einzubeziehen.

Der Traum vom langen Leben verlangt aber noch mehr: Wertschätzung für das Alter. Alt sein heißt nicht automatisch, krank oder dement zu sein. Hochbetagte Menschen wollen nicht bloß in ihrer Verletzlichkeit wahrgenommen werden. Sie wollen kein Mitleid der Jüngeren, sondern Mitwirkung - in der Familie, in ihrer Nachbarschaft, in ihrem Veedel. Neben der wichtigen Forderung nach seniorenfreundlicher Mobilität ist es ebenso wichtig, dass Vorurteile abgebaut werden, dass sie sich einbringen können mit ihrer Lebenserfahrung, dass sie eine gute Beziehung haben zu Kindern, Enkeln und Urenkeln. In dieser Beziehung liegt eine große Chance für unsere Gesellschaft.

Beim Abschlussgottesdienst des Weltjugendtages 2005 in Köln rief Papst Benedikt XVI. der Jugend der Welt zu, alte Menschen nicht ihrer Einsamkeit zu überlassen. Dahinter stand auch der Gedanke: Alt und Jung haben sich etwas zu sagen. Wenn wir uns umeinander kümmern, tun wir nicht nur den Hochbetagten einen Gefallen, sondern auch uns. Es wäre aus Sicht der Jüngeren fahrlässig, die Potenziale, das Wissen und die Lebenserfahrung sehr alter Menschen einfach brachliegen zu lassen.

Der Diözesan-Caritasverband unseres Kölner Erzbistums hat daraufhin eine jährliche Schifffahrt ins Leben gerufen: Alt und Jung in einem Boot. Für einige Stunden fahren Hunderte Seniorinnen und Senioren mit fast ebenso vielen Schülerinnen und Schülern über den Rhein. Am Dienstag ist es wieder so weit, und ich werde dabei sein. Die Idee ist so einfach: Alte und junge Menschen begegnen sich, lassen sich aufeinander ein. Die Erfahrung zeigt, dass gerade die Schüler oft erstaunt von Bord gehen - weil sie entdeckt haben, dass ihre älteren Mitreisenden cool und weise sind.

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki schreibt hier an jedem dritten Samstag im Monat. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

Quelle: RP
 
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