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Kolumne: Gott Und Die Welt
Angst essen Seele auf

Bahnhöfe waren Symbole unserer Willkommenskultur. Mit Köln sind sie Orte der Bedrohung geworden.

Jedes Opfer eines Einbruchs kennt dieses Unbehagen: Wenn man die Wohnung betritt, die Eindringlinge nach Wertgegenständen durchwühlt haben. Das Schlimmste ist selten der materielle Verlust. Das Bedrückende ist die Gewissheit, dass Unbekannte die Privatsphäre brutal verletzt haben und auf diese Weise zudringlich geworden sind. Vielen Menschen wird danach das eigene Heim fremd. Vertrautheiten zu Dingen des Alltags gehen für eine gewisse Zeit verloren.

Das ist auf andere Weise auch in der Kölner Silvesternacht geschehen. Ein öffentlicher Platz wurde durch Gewalttaten zu einer Gefahrenzone. Für Begegnung und Begrüßung gibt es kaum einen sinnfälligeren Platz als jener weite Bereich vor Dom und Hauptbahnhof. Noch vor wenigen Wochen lieferten Bahnsteige und Vorplätze freundliche Bilder von mitfühlenden Empfängen ankommender Flüchtlinge. Die Bahnhöfe in Deutschland sind zum Zeichen unserer Willkommenskultur geworden. Diese Orte haben ihre Unschuld verloren. Die naive Freude ist jetzt einem vielleicht doofen Gefühl gewichen - dem kleinen Bruder der Angst.

Unbefangen geht in der Dunkelheit derzeit kaum jemand allein über solche Plätze; vor allem Frauen nicht. Die Unbefangenheit ist verlorengegangen. Unsere Wege durch die Stadt haben ihre Selbstverständlichkeit eingebüßt und werden nun immer erst bedacht. Die Beklemmung verändert die Räume.

"Angst essen Seele auf" heißt ein Melodram von Rainer Werner Fassbinder, gefilmt vor über 40 Jahren. Auch darin geht es - erzählt in einer anderen Geschichte - um Fremdenhass und um fehlgeschlagene Integration. Doch die Aussage bleibt für das Jahr 2016 gültig. Mit der Angst vor Gewalt und Bedrohung wandelt sich unser Blick auf die Welt: Was ich betrachte, verstärkt sich und wird groß. Angst verändert uns, sie lähmt und macht handlungsunfähig.

Neues Vertrauen braucht darum Zeit. Aber diese Zeit muss man den Menschen auch gewähren; Zeit, um Vorurteile zu entgiften und Naivität kleiner werden zu lassen.

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Quelle: RP
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