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Kolumne: Gott und die Welt
Armut entwürdigt Menschen

Kolumne: Gott und die Welt: Armut entwürdigt Menschen
FOTO: Schröder
Düsseldorf. Wer das heutige Fest Sankt Martin ernst nimmt, wird auch über Armut und Menschenwürde in unserer Gesellschaft nachdenken müssen. Von Lothar Schröder

Wir sollten vielleicht öfters abends mal durch die Innenstädte gehen. Besser noch nachts. Wenn also alles Geschäftige pausiert, die Arbeitswelt weitgehend den Betrieb eingestellt und die arbeitende Bevölkerung sich zur Ruhe gebettet hat. Dann nämlich trauen sich vielerorts jene auf die Straßen und Plätze, die tagsüber kaum zu sehen sind. Menschen ohne Obdach, Menschen, die der Verlust einer Aufgabe, einer Bindung oder einer Heimat an den Rand der Gesellschaft brachte und die der Konsum von Alkohol und Drogen dann ganz ins Abseits stellte. Nachtgestalten, deren Zukunft oft immer nur der nächste Tag ist.

Wenn man nachts unterwegs ist, staunt und erschrickt man darüber, wie viele es doch sind in einem der reichsten Länder dieser Welt. Jeder von ihnen ist ein Skandal für unsere Gesellschaft. Und vielleicht sind wir auch deshalb froh, dass sie sich oft aus Scham nur bei Dunkelheit unter Menschen wagen, die nur ihre Leidensgenossen sind. Verstecktes Leid ist halbes Leid.

Heute feiern wir St. Martin, und die Fackelumzüge müssten im Grunde so viel Licht in die Straßen bringen, dass auch jene sichtbar werden, die sonst kaum zu sehen sind. Davon erzählt auch die Geschichte des heiligen Martin, der noch als Soldat an einem frostigen Winterabend am Stadttor - also am Rande der Gesellschaft - auf einen fast nackten und halb erfrorenen Bettler trifft. Martin nimmt kurz entschlossen seinen Militärmantel und teilt diesen mit seinem Schwert in zwei Teile. Die eine Hälfte tritt er dem Bettler ab. Der Arme kann sich also wärmen und bedecken, er bekommt etwas von seiner Menschenwürde zurück.

Die Tat ist eigentlich selbstverständlich, nicht nur für einen Christen. Sie ist überdies die Grundlage unseres Zusammenlebens. "Die Würde des Menschen ist unantastbar", heißt es gleich im ersten Artikel unseres Grundgesetzes.

Vor allem die Zuwendung ist es, die aus einem scheinbaren Objekt der Verhältnisse wieder einen Menschen macht; einen, der nicht bei Nacht vor dem Stadttor kauern muss, sondern Teil der Gesellschaft bleibt. Das ist der Kern des St.-Martin-Festes: mit der Legende als Erinnerung und seiner Aufforderung des Teilens. Wer nicht zynisch ist und nur an diesem Tag für singende Kinder Süßigkeiten verteilt, sondern ernst nimmt, was überliefert wurde, wird die Hilfe für Arme nicht ausschließlich als Akt der Barmherzigkeit begreifen. Karitative Unterstützung hilft den Bedürftigen in ihrer Not; sie wird aber niemals eine Armut beseitigen, die offenkundig Teil unserer Gesellschaft und Ausdruck einer ungerechten Ordnung ist. Das Fest von St. Martin ist darum viel radikaler und revolutionärer, als viele es sich im Lichtermeer der Fackeln träumen lassen.

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