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Kolumne: Gott Und Die Welt
Das graue Wunderland

Aus diesem Land werde ich nicht schlau. Aus jenem nebligen Grau, das an meinem Zugfenster vorbeirauscht. Manchmal ist es ganz gut, das Land vom Süden zurück ins Rheinland nur aus dem Fenster zu betrachten. Ein Land ohne Menschen ist es dann. Und auch sonst ohne allzu viele Details. Trostlose Landstriche wechseln ab mit Städten, die dem bloß Durchreisenden ihre ungeschminkten Hinterhöfe präsentieren.

Dieses Land wird 2018 - so haben es uns die Ökonomie-Auguren angekündigt - wieder ein Wirtschaftswunderland werden. Das Land wächst, und manche glauben gar auch: über sich hinaus. Von alldem ist durch das Fenster nichts zu spüren. Wie auch? Dafür müsste man die Fahrt unterbrechen, aussteigen und durch die Straßen gehen. Doch auch dieses Bild kennen wir: die inzwischen vielen leerstehenden Ladenlokale in den mittelgroßen Städten, die es nicht rechtzeitig geschafft haben, ein hipper Ort zu werden, während in den Metropolen Menschen ohne Obdach sich erst nächtlich auf die Straßen wagen und an Sammelstellen für ein bisschen Essen und Kleidung anstehen.

Ausgewogen ist diese Schau natürlich nicht. Aber welche ist das schon? Bei aller Jahresanfangs-Euphorie darf nicht vergessen werden, dass die Schere zwischen Arm und Reich hierzulande weiter auseinandergeht. Armut hat es immer schon gegeben, auch in den wundersamsten Wunderwirtschaftsjahren. Doch Armut kannte früher Grenzen, die heute gefallen sind. Im deutschen Wirtschaftswunderland 2018 ist die Universität zwar für jedermann zugänglich, doch ist Bildung stärker als früher ein Privileg der ohnehin schon Gebildeten. Wohnraum in den größeren Innenstädten ist ein Luxusgut und das medizinische Versorgungssystem derart löchrig, dass Termine bei Fachärzten Glückssache sind. Ohne Zweitjob ist für viele ungenügend ausgebildete Arbeitskräfte eine Familie nicht mehr über die Runden zu bringen.

Zu einer Zivilisation gehört nicht allein das Gedeihen der Wirtschaft. Die keineswegs nostalgisch gemeinte Frage wird darum sein, wie viel Solidarität sich ein Land leisten kann. Vielleicht ist dann in einem der reichsten Länder dieser Welt wieder ein Leben möglich, das für zu viele Menschen nicht Tag für Tag unter dem Vorzeichen des Überlebens stehen muss. Und vielleicht kann man dann auch das Evangelium wieder verbindlicher leben - und nicht nur zur gerade zurückliegenden Weihnachtszeit.

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Quelle: RP
 
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