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Kolumne: Gott Und Die Welt
Die Zeit der Alltagsheiligen

Düsseldorf. Jetzt ist sie wieder da, die dunkle Zeit im Jahr, die mit dem schönen Wort Herbst fast noch zu bunt beschrieben ist. Es ist die Zeit, in der die Wartelisten bei Beratungsstellen länger werden, und die Telefonseelsorge noch stärker als sonst gefragt ist. Von Rainer Maria Kardinal Woelki

Die Kälte ist gekommen, das Laub schon fast vollständig von den Bäumen gefallen und die Tage sind kürzer geworden. Die unausweichliche Vergänglichkeit scheint allgegenwärtig. Wir hinterfragen unser Leben stärker als sonst und bei manchem und mancher wird die Leichtigkeit des Seins von Schwermut eingefangen.

Und welche Antwort gibt unser christlicher Glaube? Der November beginnt mit dem Hochfest Allerheiligen, gefolgt von Allerseelen. Es sind Feste, an denen die Gläubigen eine Brücke von ihrer Endlichkeit hin in die Ewigkeit schlagen. Sie besuchen Friedhöfe und erinnern sich an diejenigen, die das Leben gelebt und vollendet haben. Das sind Verstorbene aus der eigenen Familie, aus dem Bekanntenkreis und all die, die wir selig und heilig nennen.

Gerade diese Heiligen sind für uns Brückenbauer der Hoffnung. Denn oft wird vergessen, dass viele Heilige schwere innere Krisen durchlebt, Ungerechtigkeiten erfahren und Zeiten von tiefer Verunsicherung durchgemacht haben. Groß war das Erstaunen, als bekannt wurde, dass ausgerechnet die heiliggesprochene Mutter Theresa wohl eine spirituelle Wüstenzeit durchlebt hat.

Heilige erzählen das Leben - ungeschönt und ungeschminkt. Sie waren Menschen wie wir - und damit gerade in dieser Herbst- und Winterzeit Hoffnungsträger, die wir an unserer Seite wissen dürfen. Die Heiligen, sie kennen die Fragen, die in einem nagen und bohren können und sie sind uns Vorbild und Ermutiger darin, die Hoffnung niemals aufzugeben. Und nicht nur die großen und bekannten Heiligen wollen uns durch unser Leben begleiten - auch die unbekannten Heiligen, die Alltagsheiligen. Sie begegnen uns in der Nachbarschaftshilfe, in den Gemeinden, in Vereinen, in sozialen Initiativen, im Bus und in der Warteschlange im Supermarkt, in politischen Gremien, in der Familie und im Freundeskreis. Es sind Menschen, die nicht nur Gutes tun, sondern die einem selbst guttun. Sie tun gut mit der Art, wie sie leben, erzählen und sich engagieren. All jenen danke ich sehr. Nehmen wir uns diese Menschen mit all ihren Stärken, Schwächen und Zweifeln zum Vorbild.

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki schreibt hier an jedem dritten Samstag im Monat. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

Quelle: RP
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