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Kolumne: Gott Und Die Welt
Ein Floß der Medusa

Ein unglaubliches Bild wurde uns kürzlich vor Augen gehalten. Unglaublich in seiner Dramatik, seiner Präsenz und der Anonymität des Leidens. Denn das Foto zeigt ein Schlauchboot übervoll mit syrischen Flüchtlingen. Im Gegenlicht ist niemand zu erkennen; eine dunkle Menschenmasse ist es, aus der sich manchmal ein Kopf abhebt. Einige Flüchtlinge schwimmen bereits im Meer, ein Einziger verlässt im Kopfsprung das unsichere Boot. Die Küste der griechischen Insel Kos ist nahe, und manchem erscheint es erfolgversprechend, aus eigener Kraft ans Ufer zu gelangen.

Die Wirkung des Fotos ist enorm; und sofort stellen sich die Assoziationen ein, die mit Flucht, Boot und Wasser zu tun haben: Sprüche wie "Das Boot ist voll"; oder das Gerede vom Flüchtlingsstrom, dramatischer noch: von der Flüchtlingswelle. Man kann auch an das Hörspiel "Das Schiff Esperanza" denken, ebenfalls eine Schlepper-Geschichte, die dem Bootsnamen keine Ehre macht und am Ende keine Hoffnung schenkt. Aber auch die Arche Noah wird vorstellbar, ein Flüchtlingsboot, das in scheinbar aussichtsloser Lage Leben schenkt.

Die dicht zusammenhockende Menschengruppe auf dem aktuellen Foto überrumpelt den Betrachter auch mit der Erinnerung an das berühmte Gemälde "Das Floß der Medusa". Géricault hatte es 1819 gemalt und eine wahre Begebenheit darin festgehalten: Die französische Fregatte Medusa war im Mittelmeer auf Grund gelaufen, so dass ein Floß aus den Masten gezimmert werden musste - mit Platz für 149 Menschen. Géricault malt keine Rettung; er zeigt uns Leichen am Rande des Floßes, er malt die noch Lebenden, wie sie fassungslos vor Durst und Resignation sind. Ein solcher Anblick musste eine französische Nation kränken, die auf den Schein der Glorie bedacht war, nicht auf ein Abbild der Wirklichkeit. Géricault hat den Skandal geahnt und sein Bild darum ganz unverfänglich mit "Szene eines Schiffbruchs" betitelt.

Aber nicht nur in seiner Wahrheitsverpflichtung ist das fast 200 Jahre alte Ölbild aktuell. Sondern auch, weil es die Frage nach dem Maler und Betrachter stellt, die ihre Unschuld damit begründen, unbeteiligt zu sein. Bilder sind Aufklärung; Bilder können aber auch entlasten, wenn nämlich der Betrachter glaubt, schon mit seiner Empörung gerecht zu sein. Der Dichter Günter Eich schrieb den Vers: "Alles, was geschieht, geht dich an." Wer das ernst nimmt, wird daran zugrunde gehen. Wer aber nichts beherzigt, lässt zwangsläufig andere zugrundegehen.

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Quelle: RP
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