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Kolumne: Gott Und Die Welt
Einkehr statt Eifer in der Fastenzeit

Düsseldorf. Mehr Sport, coole Apps, gesunde Ernährung – die Fastenzeit ist zum Marketing-Renner geworden. Dabei geht es im christlichen Sinn genau um das Gegenteil: innehalten. Von Rainer Maria Kardinal Woelki

Wer den Begriff Fastenzeit googelt, bekommt nicht nur 2,8 Millionen Ergebnisse, sondern kann sich vor gut gemeinten Tipps kaum retten: "Zehn Ideen fürs Fasten", "Die besten Tipps zum Durchhalten", "Sieben Vorschläge für kreativeres Fasten".

Die Fastenzeit ist ein Fall für Marketingexperten und Geschäftstüchtige geworden. Sie alle wollen dabei helfen, die "schwierige Zeit" möglichst gut und gewinnbringend zu überstehen: mit mehr Sport, mit coolen Apps, mit gesunder Ernährung. Manches mag kreativ und hilfreich sein, tatsächlich aber werden die meisten Ratschläge dem Sinn der Fastenzeit nicht gerecht: Wer fastet, braucht kein Abo fürs Fitnessstudio, keinen Ergometer, der die Kalorien zählt, keinen Ernährungsberater, der beim "Durchhalten" behilflich ist. Im Gegenteil: Wer fastet, sollte sich gerade freimachen von vielen auch gut gemeinten Einflüssen, die unser Leben angeblich sogar spirituell optimieren.

In der Fastenzeit fragen wir uns: Worauf kommt es an? Was brauchen wir wirklich? Worauf können und wollen wir verzichten? Was macht mich unfrei und schränkt mich ein? Das kann der übermäßige Verzehr von Süßem oder Alkohol sein, der ständige Griff zum Smartphone oder die Shoppingtour. Das bewusste Innehalten macht den Blick frei auf den Überfluss, den es in unserer Gesellschaft ebenso gibt wie Armut und Elend.

Jesus zog sich zum Fasten für 40 Tage in die Wüste zurück, um sein öffentliches Wirken vorzubereiten. Er wollte "frei" und "selbstlos" sein, um Gott zu erfahren (Mk 1,12-13). Indem er fastete, schärfte er seinen Blick und seine Sinne für das Wesentliche. Fasten im religiösen Sinn bedeutet also viel mehr als ein paar Pfunde zu viel loszuwerden. Wir fühlen uns häufig getrieben, wollen immer weiter und unternehmen viele Dinge. Doch fasten heißt weniger Action, nicht mehr! Und da, wo es ruhiger wird, können wir uns bewusstwerden, dass nicht Dinge oder unser Ego das Maß sind, sondern Gott, der Schöpfer des Lebens.

Wenn wir ihm Raum geben, dann können wir die Fastenzeit wesentlich gelassener angehen. Dann ist er bei uns, beim Loslassen und Innehalten. Dann brauchen wir keine großen Vorsätze wie an Silvester, die wir meist eh nicht einhalten können. Wo Gott uns begleitet, brauchen wir keine Durchhalte-Tipps von Marketingexperten, die noch dazu häufig Geld kosten und das Gegenteil von Einkehr sind: nämlich übergroßer Eifer.

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki schreibt hier an jedem dritten Samstag im Monat. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

Quelle: RP
 
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