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Kolumne: Gott Und Die Welt
Gönnen wir uns eine Auszeit!

Kolumne: Gott Und Die Welt: Gönnen wir uns eine Auszeit!
FOTO: RP
Köln. Die Ansprüche an den Urlaub sind über die Jahre ganz schön gestiegen. Es herrscht ein regelrechter Glückszwang, wenn sich die Menschen im Sommer für einige Tage oder Wochen an die See oder in die Berge verabschieden. Von Rainer Maria Kardinal Woelki

Der Urlaub soll unbedingt erholsam und harmonisch verlaufen. Und wehe, wenn die Sonne nicht scheint oder das Essen in der Ferienanlage nicht schmeckt.

Damit setzen wir uns und andere ziemlich unter Druck, vor allem die Menschen, die sich keinen Urlaub leisten können. Aber die Sehnsucht nach einer glücklichen Auszeit ist nur allzu verständlich. Mitte des Jahres ist wohl oft ein Punkt erreicht, an dem man sich nach Abstand zum Beruf, der täglichen Routine und dem Klingeln des Weckers sehnt.

Raus aus der gewohnten Umgebung, länger schlafen, den Akku aufladen – das tut nicht nur gut, das ist auch wichtig. In der arbeitsfreien Zeit regenerieren sich Körper und Geist, das gibt neue Kraft. Erwiesen ist, wer keine Ruhe findet, hat ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Beschwerden und im Extremfall – wenn die Ruhelosigkeit zulange anhält – auch für die vielen Formen von Burn-out.

Urlaub ist keineswegs eine Erfindung der modernen Arbeitswelt. Zwar kommt der Begriff so in der Bibel nicht vor, von Erholung ist dennoch die Rede. Das Gebot der Sabbatruhe zeigt etwas von der Fürsorge Gottes. Der Sabbat ist eine Wohltat Gottes für den Menschen. Nicht zufällig spricht man im Englischen von "holidays", heiligen Tagen.

Auch Jesus suchte ganz bewusst Ruhe und Abstand, lesen wir im Matthäus-Evangelium: "Jesus fuhr von dort weg in einem Boot in eine einsame Gegend allein." Und seinen Jüngern, die ihm von ihrer Arbeit erzählten, schlug er einmal vor: "Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig."

Übertragen wir das auf unsere Zeit, dann reicht es manchmal schon, etwas Abstand zu gewinnen zu den Dingen. Nicht "höher, weiter, teurer" muss im Urlaub die Devise sein, sondern die Frage: Wo und womit komme ich wirklich zur Ruhe? Sind es die Tage auf dem Kreuzfahrtschiff oder ist es die weite Wanderung? Ist es das Ferienhaus oder eine Ferienfreizeitstätte oder der Stadtpark und der eigene Balkon?

Es gibt ein wunderbares Buch für Kinder und Erwachsene von Nicholas Allan mit dem Titel "Jesus nimmt frei". Der Inhalt: Wunder können auf die Dauer ganz schön anstrengend sein. Vor allem, wenn man sie selber vollbringt. Das muss auch Jesus erfahren, als er eines Morgens aufwacht und völlig erledigt ist. Nichts klappt an diesem Tag und so sucht Jesus schließlich einen Arzt auf. Dessen Diagnose: "Völlig klar, du bist überarbeitet. Am besten nimmst du mal einen Tag frei und ruhst dich aus. Danach wird's besser gehen."

Natürlich das ist nur eine erfundene Erzählung, aber sie macht etwas deutlich: Jede und jeder braucht mal eine Auszeit. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine geruhsame Ferienzeit, eine glückliche Reise und ein glückliches Daheimsein und Gottes Segen auf all ihren Wegen.

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki schreibt hier an jedem dritten Samstag im Monat. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

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