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Kolumne: Gott Und Die Welt
Heimat ist immer etwas Verlorenes

Kolumne: Gott Und Die Welt: Heimat ist immer etwas Verlorenes
FOTO: RP
Düsseldorf. Die Zuordnung zur Nation wird durchlässiger. Das irritiert und schürt Ängste. Was bleibt, ist eine Vorstellung von guter Heimat. Weil sie als Ort verstanden wird, an dem schon Eltern und Großeltern waren.

Deutschland im Jahre 2030 wird ein Land mit vielen freundlichen Inderinnen und einem blond gelockten Mädchen sein. Das wissen wir dank Erika Steinbach, der CDU-Politikerin. Die Empörung über ihr Statement kam reflexartig und wird inzwischen abgelöst von satirischer Häme. Danach wird in Reihen der CDU ein noch größerer Drogen-Skandal vermutet: "Erika Steinbach nimmt nichts!" Spott ist in der Regel der Schlusspunkt einer Debatte - und zugleich die Höchststrafe für den Gegner. Schließlich wird dem Verspotteten attestiert, kein echter Gesprächspartner zu sein. Wie auch immer man diese Debattenkultur bewertet - die Kritiken auf die bewusste Provokation sind das Zeichen eines Erregungsautomatismus. Sie spiegeln ungewollt unsere diffusen Ansichten von Identität und Nationalität. Denn wer Steinbachs Vision Rassismus unterstellt, setzt voraus, dass beispielsweise Menschen mit indischer Herkunft nicht zu diesem Land gehören. Befürworter einer voranschreitenden Multikulti-Gesellschaft darf das Foto nicht empören, im Gegenteil: ist es doch ein Dokument friedlichen Zusammenlebens von Menschen verschiedener Herkunft. Die Verteilung von Haut- und Haarfarbe dürfte darum auch nicht der Rede wert sein. Die deutsche Gesellschaft ist aber nicht nur vielfältiger geworden, so die Berliner Integrationsforscherin Naika Foroutan, sondern auch hybrider; also vermischter, unbestimmter. Das hat Folgen. Der sogenannte Fremde schärft das Bewusstsein vom Eigenen, von der Identität. Nicht aber der Hybride, der Fremde, der nicht mehr "klassifizierbar" ist und die etablierte Ordnung verunsichert. Knapp zehn Millionen Menschen mit deutschem Pass haben einen Migrationshintergrund. Die Zugehörigkeit definiert sich immer weniger über die Herkunft. Vorfahren spielen kaum noch eine Rolle. Die nationale Zuordnung ist durchlässiger geworden. Das führt zu Irritationen und kollidiert mit der Vorstellung von Heimat, die noch am ehesten als ein Ort verstanden wird, an dem Eltern und Großeltern schon waren. Heimat scheint Beständigkeit zu versprechen und als Zuflucht in einer bedrohlich werdenden Welt zu dienen. Weil Heimat immer gut ist, ist der Verlust von Heimat immer schlecht,oft katastrophal. Der Filmemacher Edgar Reitz sagte einmal: "Heimat ist immer etwas Verlorenes." Das meint auch den Verlust von Kindheit, von idyllischer Geborgenheit, kritikloser Vertrautheit. Was bleibt, sind das Heimatgefühl und die Aufgabe, es zu bewahren und anderen zu geben. Über 2030 hinaus.

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