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Kolumne: Gott Und Die Welt
Nahles hat dem Volk aufs Maul geschaut

Kolumne: Gott Und Die Welt: Nahles hat dem Volk aufs Maul geschaut
Unser Autor Lothar Schröder. FOTO: Schröder
Düsseldorf. Fast alle meckern jetzt über die Verrohung der Politiker-Sprache. Doch wünschen wir wirklich die sprachliche Kulisse?

So ein typisches Politik-Gespräch beim Friseur: über dies und das im Allgemeinen wie auch im Besonderen. Dann aber meint der Friseur: Die AfD fände er ganz gut. Das klingt erst einmal unwahrscheinlich. Mein Friseur ist nämlich Marokkaner und nicht der erste Ansprechpartner der Partei. Schließlich sagt er: Die reden wenigstens, was Sache ist.

Was Sache ist - eigentlich komisch, dass das ein besonderer Ausweis an Qualität sein soll, wo es doch um nichts anderes gehen sollte in einem Amt, bei dem gute Kommunikation die halbe Miete ist und eigentlich auch Auftrag sein sollte. Und dann kommen mir die Worte der Kanzlerin wieder in den Sinn, die zum Abschluss des TV-Wahlabends bekundete: In der Ruhe liegt die Kraft. So kommt man zu Andrea Nahles, die im politischen Niemandsland zwischen der Frustration einer historischen Niederlage und der Euphorie ihrer Wahl zur Fraktionschefin etwas übermotiviert bekannte, der Union künftig etwas "in die Fresse" zu geben.

Die Erregung danach war groß. Selbst Öffentlichkeitsarbeiter, die kraftvoll auszuteilen wissen, zeigten sich betroffen: "Im Wettbewerb um das niedrigste Niveau will die SPD offenbar mitkämpfen", twitterte Kabarettist Dieter Nuhr. Stimmt ja alles. Und wer über die Verrohung der Sprache räsoniert, ist auf der sicheren Seite. Darum hat sich jeder Zweite auf diesem Feld jetzt auch betätigt. Natürlich lässt die krude Wortwahl Respekt vermissen. Wahrscheinlich stimmt es auch, dass die Schnelligkeit unserer Kommunikation in Zeiten von Twitter dazu verführt, Aufmerksamkeit vor allem im Skandalmodus zu erzielen. Man kann sich besser ausdrücken als Nahles.

Viel gewählter und respektvoller - aber eben auch viel langweiliger. Wir alle wissen, dass hinter geschlossenen Türen ohnehin eine andere Sprache gewählt wird. Wollen wir wirklich die Kulisse, lieben wir den schönen Schein einer Zivilisiertheit, die im echten Kampf um Macht und Einfluss als Erstes den Bach runtergeht? Martin Luther, der es mochte, dem Volk aufs Maul zu schauen, hätte an Nahles seine helle Freude gehabt - obwohl sie Katholikin ist.

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Quelle: RP
 
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