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Kolumne: Gott Und Die Welt
Nichts ist so trügerisch wie die Urlaubs-Vorfreude

Die Vorfreude sei die schönste Freude - heißt es. Dahinter steckt die Erfahrung von Enttäuschungen, wenn unsere Erwartungen nicht von der Wirklichkeit erfüllt werden. Von Lothar Schröder

Eigentlich hat unser Urlaub ja schon begonnen. Jedenfalls in unserer Fantasie. Inbrünstig werden jetzt die Tage bis zur Abreise gezählt - es ist unser Countdown ins vermeintliche Glück. Und natürlich sollen die Ferien grandios werden, so haben wir es uns schon seit Wochen vorgestellt. Alle Planungen und Vorbereitungen hatten nur dies im Blick - die freie und unbeschwerte Zeit voller Glück.

Dass diese Rechnung nicht immer aufgeht und wir zudem ahnen, dass mit der Intensität unserer Erwartungen die Wahrscheinlichkeit, enttäuscht zu werden, steigt, ist eine Binsenweisheit. Sie ist sogar sprichwörtlich hinterlegt: Vorfreude ist die schönste Freude, heißt es so bitter realistisch.

Wer zur Vorfreude neigt, zeichnet sich zunächst als fantasiebegabter Mensch aus. Denn nichts anderes spiegelt sich in unseren Tagträumen, in denen wir in schönen Farben ausmalen, wie die nicht minder schöne Zukunft werden könnte. Die Vorfreude ist eine Projektion, die sich mitunter heimtückisch hinter den schönen Vorbereitungen versteckt. Denn es fühlt sich schon ziemlich realistisch an, wenn wir eine Ferienwohnung gemietet, Wanderrouten ausgewählt oder eine Taucherbrille gekauft haben. Unsere Planungen sind die Anzahlungen aufs Ferienglück.

Damit werden die Erwartungen derart groß und blumig, dass sie von keiner Wirklichkeit mehr eingeholt und eingelöst werden können - mit der anschließend trüben Erkenntnis, dass eben die Vorfreude wieder einmal die schönste Freude war. Vor solchen Dämpfern sind vor allem Kinder gefeit. Zwar sind auch sie Könige der Vorfreude, doch haben sie noch die Fähigkeit, ihre Fantasie mit der Wirklichkeit zu verschmelzen. Die Vorfreude wird für sie im Urlaub viel seltener als schlichte Illusion enttarnt. Sie überführen das Glücksgefühl ihrer Vorstellung in die Ekstase des Augenblicks.

Erwachsenen fällt dies schwerer. Doch können auch wir viel freundlicher mit unseren Erwartungen umgehen, wenn wir die Vorfreude einfach schon als Teil der Reise begreifen. Unsere Glückszeit beginnt nicht erst nach dem letzten Arbeitstag, sondern bereits jetzt, mit allen Planungen. Auch die Erwartung ist ein Glück - in ihrer ganzen schönen Unberechenbarkeit.

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Quelle: RP
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