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Kolumne: Gott und die Welt
Silvester - die Nacht der kleinen Schritte

Silvester - die Nacht der kleinen Schritte
Unser Autor Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. FOTO: dpa, Daniel Naupold
Düsseldorf. Zum Jahreswechsel gibt es keinen kompletten Neuanfang. Aber die Hoffnung dieser Nacht können wir mitnehmen.

Silvesternacht: für die einen Partyzeit, für andere Arbeitszeit, zum Beispiel im Krankenhaus; von wieder anderen ignoriert, von manchen gefürchtet, weil einem die Einsamkeit besonders bewusst wird oder Trennungen deutlicher schmerzen als sonst. Silvesternacht: Sie ist aber auch die Nacht der guten Vorsätze, der Rückschau und des Ausblicks. Sie kommt einem nah. Die Silvesternacht ist eine bewegende Nacht. Sie ist für viele mit Wünschen, Hoffnungen und Erwartungen gefüllt. Es ist die Nacht der Veränderungsbereitschaft und des Aufbruchs: Im neuen Jahr soll alles besser werden!

Manche sind froh, dass sie einen Schlussstrich unter das alte Jahr ziehen können, das aus ihrer Sicht nicht gehalten hat, was es vor zwölf Monaten als neues Jahr versprochen hat. Andere hoffen, dass Trauer oder Streit dieses Jahres endlich enden. Viele meinen, dass die Silvesternacht genau das verspricht: Mit dem neuen Jahr ist dann auch alles neu. Doch so ist es gar nicht. In der Silvesternacht hört nicht einfach auf, was uns Menschen 365 Tage lang bewegt hat. Mit den abgebrannten Raketen fällt nicht die Runderneuerung unserer Zeit und unseres Lebens vom Himmel. Auch wenn die Uhr auf 0.00 Uhr wechselt, können wir in der Silvesternacht nicht einfach die Reset-Taste drücken, alles auf null stellen.

Es gibt zwar einen neuen Kalender, aber keinen gänzlichen Neuanfang. Doch wir können in unserem eigenen "kleinen" Leben etwas tun: einen der vielen guten Vorsätze beherzigen, eine geplante Veränderung in Angriff nehmen, vielleicht dem Obdachlosen das Straßenmagazin "Fiftyfifty" abkaufen. Das verändert nicht die weite Welt, aber im Kleinen kann ich etwas bewirken.

Neben den kleinen Schritten brauche ich auch die großen Hoffnungsbilder. Auch wenn ich das, was durch meine Hände geht, nicht festhalten kann, bin ich nicht ohnmächtig. Gott macht mir Mut, Zeit und Welt zu gestalten. In Bibel und Kirche finde ich immer wieder Gottes Alternativen zu unserer Welt des Unfriedens und der Ungerechtigkeit. Da kann ich entdecken, was mir und meinen Mitmenschen zum Leben hilft.

Wenn wir "Dein Reich komme!" beten, erwarten wir auch, dass Gott Größeres und Besseres mit uns vorhat, als wir es jetzt leben. Ob ich meine Zeit in seinem Sinne nutze, das habe ich selbst in der Hand: Wer sich in diesem Sinne bewegen lässt, der sorgt dafür, dass wir nicht nur in der Silvesternacht Hoffnung auf Neues haben können.

Der rheinische Präses Manfred Rekowski schreibt hier an jedem vierten Wochenende im Monat, dieses Mal wegen der Weihnachtsfeiertage erst am Montag. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

Quelle: RP
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