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Kolumne: Gott Und Die Welt
Unsere Zukunft hängt an Chancengleichheit

Kolumne: Gott Und Die Welt: Unsere Zukunft hängt an Chancengleichheit
FOTO: RP
Menschen, die enttäuscht sind, lassen sich leicht zum "Schwarzer-Peter-Spiel" instrumentalisieren. Schwarze Peter sind dann die sorglosen Jungen, die reichen Alten oder die Fremden, die mehr bekommen.

Nach allen Prognosen geht in unserem Land die Zahl junger Menschen zurück, während die der älteren deutlich steigt. 2060, so das Statistische Bundesamt, wird es nur noch halb so viele unter 20-Jährige geben wie Menschen, die 65 Jahre und älter sind. Deutlich zeigt sich die Entwicklung an der Zahl der Hundertjährigen: Wurden Anfang der 80er Jahre nur wenige Menschen bundesweit so alt, leben heute über 17.000 Menschen unter uns, die 100 Jahre alt oder älter sind.

Wir werden also älter, und wir werden weniger. Das merken wir in unseren Kirchengemeinden, das merken wir in unserer Wohlfahrtsarbeit - was den Fachkräftemangel angeht, ebenso wie an der steigenden Zahl pflegebedürftiger Menschen -, das merkt die Rentenkasse, das merkt die deutsche Wirtschaft; an den unterschiedlichen Stellen gilt es, der Realität ins Auge zu sehen und Maßnahmen zu ergreifen, dass der demografische Wandel nicht ein Grund zur Entsolidarisierung wird.

Entsolidarisierung hat immer da ein leichtes Spiel, wo Menschen enttäuscht sind, sich um Chancen gebracht fühlen, wo man sie zum "Schwarzer-Peter-Spiel" instrumentalisieren kann. Der Schwarze Peter - das sind dann die Jungen, die sich nicht mehr kümmern, oder die Alten, die noch die satte Rente einstecken, oder die Fremden, die mehr bekommen als man selbst.

Solidarität hat ein anderes Fundament. Sie sieht die eigene und die fremde Bedürftigkeit, sieht die eigene Angewiesenheit und die des Gegenübers. Solidarität weiß darum, dass jeder ein Geschöpf Gottes ist. "Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht", so hat es Papst Benedikt XVI. zu Beginn seines Pontifikats formuliert. Die Zukunft unserer Gesellschaft hängt entscheidend daran, ob jeder Mensch die gleichen Chancen hat, sich einzubringen. Kindern aus armen Familien, die ihre Talente nicht entfalten können, bleibt diese Chance oft verwehrt. Ältere Menschen, deren Potenzial nicht mehr gefragt ist und die dann unter Einsamkeit leiden, können sich ebenfalls nicht mehr einbringen. Flüchtlinge, die lange warten müssen, um arbeiten oder Sprachkurse besuchen zu können, vergeben Chancen, das gesellschaftliche Leben mitgestalten zu können.

All diesen Herausforderungen müssen wir uns stellen. Denn ich bin überzeugt: Ein solidarisches Miteinander von Alten und Jungen wie von Menschen unterschiedlicher Herkunft ist der Schlüssel einer menschlichen Gesellschaft.

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki schreibt hier an jedem dritten Samstag im Monat. Ihre Meinung? kolumne@rheinische-post.de

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