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Kolumne: Gott Und Die Welt
Warum ein zweiter Blick lohnt

Es ist frostig im Deutschland dieser Tage. Nicht nur das Wetter ist rauer geworden. Auch das gesellschaftliche Klima bewegt sich um den Nullpunkt.

Verallgemeinerungen greifen in den letzten Wochen um sich: Manch einer weiß genau, wo "die Polizei" sich raushält, wo und wie sie versagt. Und zunehmend werden Menschen auch nach Herkunftsländern sortiert, eingeordnet, beurteilt und verurteilt. "Die Nordafrikaner", "die aus den Maghreb-Staaten", werden nun unter Generalverdacht gestellt. Sexualisierte Gewalt und Taschendiebstahl scheinen sich jetzt leicht zuordnen zu lassen. Das erscheint auf den ersten Blick klar zu sein. Aber es lohnt der zweite Blick.

Mit den vielen Flüchtlingen und Aufnahmesuchenden, die wir in den vergangenen Wochen und Monaten aufgenommen haben, sind keine besseren Menschen zu uns gekommen. Aber wen wundert das wirklich? Es sind doch Menschen wie Sie und ich. In dieser Personengruppe sind genauso alle Haltungen, Einstellungen und Verhaltensweisen vertreten wie in jeder Kirchengemeinde, in jedem Sportverein oder im Kreis der Leserinnen und Leser dieser Zeitung. Überall gibt es "so'ne und solche", wie man bei uns im Bergischen sagt: Es gibt katholische Steuerbetrüger, evangelische Ehebrecher ebenso wie atheistische Autodiebe und muslimische Sexualstraftäter. Wer also hat eigentlich dieser Tage das Recht, das hohe Ross zu satteln? Ich bin Christ und Pfarrer. Da wird es niemanden sonderlich überraschen, dass ich einen Blick in die Bibel für einen sinnvollen und keineswegs altmodischen Weg halte, mich und meine Sicht auf die Dinge zu justieren. In diesem alten und doch so modernen Buch lese ich beim Propheten Micha: "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott." Ich finde, das tut dem Zusammenleben gut: sich zu erinnern, was gut ist und was böse; sich von der Nächstenliebe nicht abbringen zu lassen und mit Maß und Verstand auch mich und die Welt zu sehen. Das heißt für mich, demütig zu sein. Und mir fallen neben mir selbst derzeit eine Menge Menschen ein, die sich das Prophetenwort gesagt sein lassen sollten, ehe sie vollmundig in Fernsehkameras verallgemeinern oder in sozialen Netzwerken pöbeln. Mich interessiert derzeit vor allem: Schaffen wir den zweiten, den differenzierten Blick? Dann ist sehr viel mehr geschafft.

Der rheinische Präses Manfred Rekowski schreibt hier an jedem vierten Samstag im Monat. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

Quelle: RP
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