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Kolumne: Gott Und Die Welt
Warum unsere Debatte über Grenzzäune belastet ist

In Deutschland wird nahezu jede Grenzdebatte auch von der Vergangenheit bestimmt. Doch es kommt auf die Art notwendiger Grenzen an; denn sie sagt auch etwas über unser Selbstverständnis aus. Von Lothar Schröder

In Deutschland wird derzeit im wahrsten Sinne des Sprichwortes eine Debatte vom Zaun gebrochen - eben um Zäune, Mauern, sichtbare Grenzen. Allerlei Ratlosigkeiten werden da als Lösungen präsentiert, wie Deutschland die Ankunft von Flüchtlingen überschaubar machen kann. Mit umzäunten Transitzonen, wie es zunächst hieß? Mit abgeriegelten Grenzübergängen? Oder gleich mit über 800 Kilometer langen Grenzzäunen zu Österreich?

Über manches wird auch in anderen Ländern diskutiert, doch nirgendwo so erregt wie hier. Das liegt an den Grenzerfahrungen, die Menschen in Deutschland erleiden mussten. Wie die abgeschotteten Ghettos und die großflächigen Vernichtungslager im Nazi-Reich; und nach dem Krieg die Mauer zwischen dem deutschen Westen und Osten. Der Mauerfall ist bis heute das Symbol einer Befreiung, einer Öffnung hin zu einer Zukunft ohne Angst und Repression. Wirkliche Grenzen werden bei uns aus nachvollziehbaren Gründen immer auch zu gedanklichen Linien, die in die Vergangenheit reichen. Auch darum ist die Gefahr bei uns so eklatant groß, unhaltbare Vergleiche zu ziehen.

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck würzte unlängst seine Abneigung gegen Transitzonen mit einem KZ-Vergleich - und entschuldigte sich dafür wenig später. Unsere Zaun-Debatte ist belastet und lässt jede Grenzziehung von vornherein heikel erscheinen. Als sei die Freiheit grenzenlos, und nicht nur über den Wolken, wie sie Reinhard Mey sanft besingt. Dabei sind Grenzen im weitesten Sinne für jeden lebenswichtig. Denn sie unterscheiden, führen uns vor Augen, wo etwas beginnt. Sie schärfen so gesehen unsere Wahrnehmung: Erst sie schaffen Konturen. Natürlich gibt es andere Grenzen; solche, die unüberwindbar sein sollen, die das Denken, das Sprechen und die Bewegung beschränken. Aber auch Mauern, die in unseren Köpfen ihre Fortsetzung finden. Es geht darum um die Beschaffenheit der Grenze, also um das, was sie darstellen soll. Denn an ihr lässt sich das Selbstverständnis einer Gemeinschaft ablesen.

Grenzen können zu einer Markierung nachvollziehbarer Regeln werden. Diese haben nichts Absolutes mehr; weil eine Grenze nur existieren kann, wenn es dahinter noch Anderes gibt. Es gehört zum Wesen der Grenze, dass man über sie spricht, dass sie überschritten, verschoben wird. In unseren Debatten sollte es nicht nur darum gehen, ob eine Grenzziehung nötig ist, sondern auch darum, welche Art von Grenze gezogen werden soll - weil sie Rückschlüsse auf unsere Werte zulässt.

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Quelle: RP
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