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Kolumne: Gott Und Die Welt
Was sich eine offene Gesellschaft zumuten kann

Kolumne: Gott Und Die Welt: Was sich eine offene Gesellschaft zumuten kann
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Die Diskussionen über die Tragfähigkeit von Burka und Burkini, von Kreuz und Kutte sind keine Luxusdebatten - sondern Wegweiser in unsere Zukunft.

Jetzt reden wir uns wieder die Köpfe heiß: über die Tragfähigkeit von Burka und Burkini, von Kreuz und Kutte. Mit unterschiedlichen Befunden. Wir machen da mit. Nicht aus Langeweile; nicht in Ermangelung anderer, gewichtiger Fragen. Sondern aus der Überzeugung, dass an solchen "Symbol-Debatten" möglicherweise etwas zum Vorschein kommt, was sonst verborgen, diffus, unkenntlich bleibt. Nennen wir es das Gesicht unserer Gesellschaft. Das klingt nach einem Langzeit-Projekt, und ist es auch.

Streng laizistische Gesellschaften wie in Frankreich scheinen es da einfacher zu haben. Mit ihrer strikten Trennung von Staat und Kirche ist oftmals klar, was im öffentlichen Raum verboten ist. Nämlich fast alles, was ein Glaubensbekenntnis sein könnte. Das Hoheitsgebiet des laizistischen Staates ist ein religiös luftleerer Raum; in ihm soll nichts anderes als Neutralität regieren. Der größte denkbare Gegensatz dazu ist der religiöse Fundamentalismus. Und doch ähneln sich beide in der Absolutheit ihrer Haltungen: Der rigorosen Trennung von Staat und Kirche steht der nicht minder rigorosen Einklang von Staat und Kirche gegenüber.

Laizismus und Fundamentalismus exekutieren ihre Ansichten, geben den Menschen vor, wie sie sich in aller Öffentlichkeit zu verhalten haben. Der Glaube hat hier nichts zu suchen, sagen die einen; der Glaube regelt alles, meinen die anderen. Laizismus und Fundamentalismus geben den Menschen Antworten vor. Offene, auch religiös liberale Gesellschaften aber stellen Fragen. Sie muten uns - im besten Sinne - etwas zu, indem sie uns zu einer Meinung ermutigen und uns für fähig halten, darüber zu befinden, was unsere Gesellschaft dulden kann: Wo also die Freiheit des Einzelnen beschränkt und seine Würde verletzt wird, und wie, bei aller Toleranz, auch die Mehrheitsgesellschaft geachtet und bedacht werden kann. Das ist besonders schwierig bei sogenannten passiven Symbolen und Bekenntnissen, wie das Kreuz an der Wand, das zwar für jeden sichtbar, aber keineswegs dominant ist. Es missioniert niemanden.

Die Gesellschaft wird jedes Mal neu entscheiden müssen, was sie sich zutraut. Immer wieder werden sich uns solche Fragen stellen, die im Wandel der Zeit unterschiedliche Antworten verlangen. Das kann anstrengend sein. Und muss es wohl auch, weil wir nicht nur Grenzen ziehen, sondern mit jeder Antwort uns selbst beschreiben: unsere Werte, unseren Glauben, unsere Offenheit. Sich über die Tragfähigkeit von Burka und Burkini, von Kreuz und Kutte die Köpfe heiß zu reden, ist keine Luxusdebatte einer nur noch gelangweilten Gesellschaft. Sie ist unser Wegweiser in die Zukunft.

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