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Kolumne: Gott Und Die Welt
Zeit, sich selbst zu hinterfragen

Kolumne: Gott Und Die Welt: Zeit, sich selbst zu hinterfragen
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Köln. In der Fastenzeit macht sich der Mensch bewusst: Ich bin nicht das Maß aller Dinge. Es gibt einen, der wirklich sinnvolle Maßstäbe gesetzt hat: Gott.

Der Weihnachtsbaum war in vielen Wohnzimmern noch nicht einmal abgeschmückt, als in den Supermärkten schon palettenweise Osterhasen und Eier aus Schokolade angeboten wurden. Der Handel orientiert sich seit vielen Jahren eben an den Konsumwünschen seiner Kunden. Das Kirchenjahr und seine Hochfeste haben hinter diesen ökonomischen Interessen zurückzutreten - die wenig gewinnverheißende Fastenzeit ganz besonders.

Das zu bedauern oder gar zu kritisieren, hilft wenig, zumal die 40-tägige Fasten- und Bußzeit vor Ostern ja weit mehr bedeutet als nur Verzicht auf Süßigkeiten.

Fastenperioden sind kein christliches Alleinstellungsmerkmal, im Gegenteil: Sie sind ein verbindendes Element aller Weltreligionen. Mohammed fastete, bevor ihm der Koran offenbart wurde, Moses fastete, bevor er Gottes Wort empfing. Jesus zog sich zum Fasten für 40 Tage in die Wüste zurück, um sein öffentliches Wirken vorzubereiten. Er wollte "frei" und "selbstlos" sein, um Gott zu erfahren (Mk 1,12-13).

Der Begriff Fasten geht auf das gotische Wort "fastan" zurück: festhalten, beobachten, bewachen. Man könnte auch sagen: Wer fastet, achtet auf sich selbst. Er nimmt sich eine Auszeit, um sein Leben zu beobachten und zu hinterfragen oder gegebenenfalls neu zu ordnen. In der Fastenzeit macht sich der Mensch bewusst: Ich bin nicht das Maß aller Dinge. Es gibt einen, der wirklich sinnvolle Maßstäbe gesetzt hat: Gott.

Der bewusste Verzicht auf etwas - sei es Süßkram oder das Smartphone - lässt mich sensibel werden für das Wesentliche. Verzicht ist ein spürbares Zeichen gegen Maß- und Haltlosigkeiten und der erste Schritt für eine neue Verantwortung, die aufgeschlossen ist für eine Gerechtigkeit, die allen das Notwendige zukommen lässt. Darum gehören für mich zum Fasten auch die Einkehr und das Gebet.

Ich gebe zu: Fasten ist gar nicht so leicht. Erst recht nicht, wenn es um eine ehrliche Abkehr oder einen schmerzlichen Verzicht geht. Papst Franziskus sagte in seiner letztjährigen Fastenbotschaft: "Ich misstraue dem Almosen, das nichts kostet und nicht schmerzt." Und er führte dann weiter aus, Gott habe das Heil schließlich auch nicht einfach vom Himmel fallen lassen. Dringend notwendig sei eine Umkehr des Gewissens hin zu den Werten der Gerechtigkeit, der Gleichheit, der Genügsamkeit und des Teilens.

In einer Zeit, in der die Schere zwischen Arm und Reich weit auseinanderklafft, kann fasten zur Besinnung darauf beitragen, dass es in unserer Gesellschaft wieder etwas gerechter zugeht.

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki schreibt hier an jedem dritten Samstag im Monat. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

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