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Kolumne: Gott Und Die Welt
Zwischen Mitgefühl und Hilflosigkeit

Es ist schön, den Opfern der Gewalt ihre Würde zu bewahren. Und nicht immer müssen wir dazu auch die passenden Worte finden.

Es stimmt nicht, dass für alle von uns der Tag gleich mit Terrormeldungen aus Nizza begann. Auch werden viele an diesem Tag bestimmt noch einmal gelacht, vielleicht sogar an den eigenen Urlaub gedacht haben. Trotz Nizza ist bei uns der Tag weitergegangen und mit ihm auch das Leben. Diese Selbstverständlichkeit auszusprechen, klingt wie ein Frontalangriff aufs Mitgefühl. Wie etwas Unerhörtes inmitten der vielen Appelle, die manchmal in ihrer eifrigen Anteilnahme phrasenhaft klingen.

Mag sein, dass solche Wahrnehmungen wieder einmal typisch deutsch sind. Mitten in Europa gelegen ist das größte und wirtschaftsstärkste Land des Kontinents weitgehend verschont geblieben von Terrorakten. Dass dieses Land dennoch keine Insel des Friedens ist, wissen und spüren wir alle. Manchmal erscheint es aber so, als würden wir nur Zuschauer einer zwar benachbarten, aber doch fernen Gewalt sein. Als wäre das ganze Land eine riesige Bannmeile, in die dann besorgte Fragen vordringen wie diese: auch Deutsche unter den Toten?

Natürlich schwingt in solchen Erkundigungen immer auch Zynismus mit. Es klingt sehr nach nationaler Einteilung der Opfer, die zugleich den Grad unserer Betroffenheit zu bestimmen scheint. Die Nachfrage transportiert aber auch ein Bedürfnis, das, was fernab geschehen ist, zu begreifen und irgendwie fassbar zu machen. Echte Anteilnahme gilt immer und ohne Unterschied allen Opfern. Doch wenn uns die Möglichkeit gegeben wird, das Unglaubliche näherzuholen, kann das Mitleiden eine neue Tiefe gewinnen. Unsere Trauer braucht einen Adressaten.

Die Sorge auch um das eigene Leben bleibt bei solchen Nachrichten diffus: Soll ich nun alle Volksfeste meiden? Oder Urlaubsorte? Fragen, die natürlich nie zu beantworten sein werden, die aber eins sehr deutlich spiegeln: unsere Hilflosigkeit. Das Leben geht weiter, das ist eine Lehre des gestrigen Tages. Eine andere lautet: nicht immer. Und nicht für jeden. Wir denken jetzt viel über die Täter und deren Motive nach. Sie zu verachten, ist leicht; sie auch als von Gott geliebte Menschen zu sehen (wie es die Bischöfe empfehlen), scheint unmöglich zu sein und uns zu überfordern.

Es ist schon viel und genug, den Opfern dieser Gewalt ihre Würde zu bewahren. Wenn uns dafür bisweilen die vermeintlich passenden Worte fehlen, ist das nicht schlimm. Es gibt andere Formen des Gedenkens, wie das stille Gebet. Darin wird schon die Haltung des Betenden zum Bekenntnis. Denn wer seine beiden Hände zusammenführt, macht sie für alle anderen Verrichtungen praktisch unbrauchbar. Wer betet, ist ganz bei sich und bei den Opfern dieses Tages.

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Quelle: RP
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