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Kolumne "Hier in NRW"
Das dunkle Kapitel "Colonia Dignidad"

Kolumne - das dunkle Kapitel Colonia Dignidad
Unser Autor Detlev Hüwel FOTO: RP
Der Arzt Hartmut Hopp wurde in Chile zu fünf Jahren Haft verurteilt. Seit Jahren lebt er in Krefeld. Die Justiz will ihn ins Gefängnis stecken, doch so schnell geht das alles nicht. Von Detlev Hüwel

Bundespräsident Joachim Gauck weilt derzeit in Chile. Bei seinem Besuch geht es auch um jene fürchterliche Einrichtung, deren Name "Colonia Dignidad" nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Von Würde kann bei diesem von dem Deutschen Paul Schäfer geführten früheren Folterlager keine Rede sein. Hier wurden Menschen, vor allem jüngere, eingesperrt und vergewaltigt. Gauck räumte deutsche Schuld daran ein - deutsche Diplomaten hätten jahrelang weggeschaut.

Der Arzt Hartmut Hopp galt als rechte Hand Schäfers, der 2010 im Gefängnis starb. Nach der Zerschlagung der "Kolonie der Würde" wurde in Chile auch gegen Hopp ermittelt. Die Vorwürfe lauteten: Beihilfe zum sexuellen Missbrauch von Kindern, zum Verschwindenlassen von drei jungen Gewerkschaftern, Verabreichung medizinisch nicht angezeigter Psychopharmaka. Die Gesamtstrafe, zu der Hopp verurteilt wurde, betrug fünf Jahre. Die chilenische Urteilsschrift umfasste 1000 Seiten.

Arzt lebt seit Jahren unbehelligt in Krefeld

Was das alles mit NRW zu tun hat? Hopp, der die Anschuldigungen zurückweist, entzog sich 2011 seiner Bestrafung durch Flucht. Er lebt seit Jahren in Krefeld, ohne bislang belangt worden zu sein. Zwar hatte die zuständige Staatsanwaltschaft eigene Ermittlungen angestellt, doch ihr umfangreicher Fragenkatalog ist nach Auskunft der Ermittler bis heute nicht von den chilenischen Behörden beantwortet worden. Das gehört zu den Ungereimtheiten dieses Falls.

Da es kein Auslieferungsabkommen mit Chile gibt, könnte Hopp jedoch statt in dem südamerikanischen Staat in Deutschland eingesperrt werden. Dieses Verfahren ist aber kompliziert. Zunächst musste geprüft werden, ob die chilenische Justiz die rechtsstaatlichen Standards eingehalten hat. Da das offenbar der Fall war, hat die Staatsanwaltschaft jetzt beim Landgericht Krefeld beantragt, dass die Strafvollstreckung in Deutschland erfolgt.

Sollte das Gericht dem zustimmen, bliebe Hopp der Weg durch die Gerichtsinstanzen. Irgendwann könnte ihn dann doch noch die gerechte Strafe ereilen. Bis dahin kann er aber relativ ungehindert in Deutschland leben, da er hier den maximalen Rechtsschutz genießt. Andere Staaten könnten ihn, wenn er dorthin zu fliehen versuchte, sofort an Chile ausliefern. Hopp weiß das genau und erfreut sich (noch) seiner Freiheit.

Wen überkommt da nicht ein Schaudern? Wir leben zum Glück in einem Rechtsstaat - auch wenn seine Spielregeln manchmal schwer zu ertragen sind und die Mühlen der Justiz so unendlich langsam mahlen.

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Quelle: RP
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