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Kolumne: Mit Verlaub!
Der alte Mann in der neuen Welt

Kolumne: Mit Verlaub!: Der alte Mann in der neuen Welt
FOTO: RP
Düsseldorf. Nichts ist so stark wie eine Bewegung, deren Zeit gekommen ist. Der 74-jährige US-Präsidentschaftsbewerber Bernie Sanders wirbt mit Erfolg für soziale Marktwirtschaft und "Wohlstand für alle". Von Reinhold Michels

Amerika fasziniert – hieß meine Kolumne vor einer Woche. Trotz mancher Schattenseiten, so das Resümee, beeindrucke die mehr als 200 Jahre alte Demokratie mit ihrer Vitalität und steten Bereitschaft zur Erneuerung. Einen aktuellen Beleg für diese These liefert ausgerechnet ein 74 Jahre alter, vor Wochen noch als Kauz belächelter US-Senator, der Präsident werden will: Bernie Sanders.

Im Lager von Hillary Clinton, seiner immer noch aussichtsreichen Mitbewerberin innerhalb der Demokratischen Partei, ist der Spott über den Konkurrenten, der gegen Macht und Machenschaften des rüden Wall-Street-Kapitalismus wettert und den Mittelschicht-Familien endlich zu mehr Teilhabe am Erwirtschafteten verhelfen will, gewichen. Clinton und Co. befürchten, Sanders könnte das Momentum des Wahlkampfs erwischt haben: Nämlich ein Bündnis zu schmieden mit Millionen von Amerikanern, die seit Jahren vergebens darauf warten, dass auch für sie gilt, was hierzulande der große Ludwig Erhard einmal proklamiert hat: Wohlstand für alle.

Das erfrischende und typisch Amerikanische an dieser neuen Welle wirtschaftlich-gesellschaftlicher Vernunft ist, dass der alte Wachrüttler Sanders besonders viele junge Amerikaner hinter sich schart. Dass sich ein Mann, der beim Einzug ins Weiße Haus 75 wäre, nach zehrendem, beinhartem Auslesekampf bis zum Wahltag am 8. November wirklich durchsetzen kann, gilt als unwahrscheinlich.

Fotos: Bernie Sanders – US-Präsidentschaftskandidat 2016 FOTO: ap

Es fasziniert jedoch, zu beobachten, wie auf der anderen Atlantik-Seite plötzlich ein neues Bündnis von Alt und Jung zusammenfindet, bei dem einem Victor Hugo in den Sinn kommt: "Nichts ist so stark wie eine Bewegung, deren Zeit gekommen ist."Selbst wenn Sanders an der mit Wall Street gut vernetzten Mrs. Clinton scheitern oder einem republikanischen Big-Business-Buddy unterliegen sollte, so werden die ausgesendeten Signale aus der Neuen Welt nicht verklingen. Die Amerikaner beginnen zu begreifen, dass Kapitalismus gezähmt gehört, wenn er möglichst vielen arbeitenden Menschen dienen und nicht nur wenigen nutzen soll.

Gerade bürgerlich-konservativ und freiheitlich gesinnte Menschen, ob in Europa oder den USA, wissen: Es ist das Gegenteil von sozialistischer Narretei, wenn man im Privaten und Staatlichen darauf achtet, dass es auch dem Nachbarn gut geht. Ein Mann wie Senator Sanders beweist, was seine Landsleute von uns lernen: dass soziale Marktwirtschaft - Made in Germany - ihrem "Hire-and-fire-System" überlegen ist.

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