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Kolumne: Mit Verlaub!
Die Bundespräsidenten-Suche ist keine Castingshow

Einige meinen, der Respekt vor dem Amt des Bundespräsidenten verbiete eine Diskussion über dessen Nachfolger. Das ist Unsinn. Personalfragen sind Machtfragen und müssen in einer Demokratie öffentlich diskutiert werden. Veralbern muss man die Suche deswegen aber nicht. Von Reinhold Michels

Angesichts der Beschleunigung aller Lebensprozesse sei selbst das Gegenwärtige schon das Vergangene. So schreibt es Joachim Fest in seinem famosen italienischen Reisebuch "Im Gegenlicht". Also könnte man mit Blick auf den zwar noch im Schloss Bellevue in Berlin gegenwärtigen, aber dort schon auf die selbst gewählten Schlussrunden gehenden Bundespräsidenten sagen: Joachim Gauck sei zwar noch da, aber eigentlich seit Wochenbeginn auch schon ein "Has been", ein Gewesener.

Wem das zu respektlos erscheint, dem entgegne ich: Eine dosierte Respektlosigkeit jenseits von Frechheit und Kaspereien gegenüber staatlichen Würdenträgern ist kennzeichnend für selbstbewusste Demokraten.

Was mich ungleich mehr stört, ist das zuletzt wieder inflationär gebrauchte Heuchler-Diktum, der Respekt vor Person und Amt des Bundespräsidenten verbiete es, zum Beispiel allzu zu offen und burschikos über Nachfolge-Kandidaten zu spekulieren und fabulieren. Papperlapapp! Personalfragen sind Machtfragen. Wer wüsste das nicht besser als Merkel, Gabriel, Özdemir, Riexinger und Seehofer. Wer aus dieser Riege so tut, als suche man in aller politischen Unschuld nach dem oder der Besten für das höchste Staatsamt, in gewisser Weise nach einem den Parteien entrückten "Professor Dr. von Staat", der veralbert den demokratischen Souverän, der, wie wir wissen, bei der Bundespräsidentenwahl nur sehr indirekt etwas zu sagen hat.

Rührt von dieser Volks-Machtlosigkeit bei der Auswahl des ersten Staatsbürgers vielleicht auch der allseits zu beobachtende Hang zur Wurschtigkeit, zum Comedianhaften her, wie ich ihn neulich auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk vernommen habe? Zum Auftakt des traditionsreichen Mittagsmagazins auf WDR 2 und wenige Minuten nach Joachim Gaucks Verzichtserklärung alberte ein Moderator nach Art einer Quasselstrippe über den nun bald frei werdenden, gut bezahlten Job, als ginge es um eine Stelle bei Radio Hoppsassa und nicht um die des künftigen Staatsoberhaupts. Mir schoss es durch den Kopf, dass inzwischen auch immer mehr Talkshow-verdorbene Spitzenvertreter der Politik sprachlich salopp reden, eben so, "wie ihnen der Schnabel gewachsen ist". Wir sind auf dem Weg zu einer Quassel- und Infotainment- Republik, in der die Info (Information) allzu oft vom -tainment verdrängt wird. Wie wohltuend klingt da der Satz von Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Politik müsse nicht Spaß, sondern vielmehr Sinn machen.

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Quelle: RP
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