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Kolumne: Mit Verlaub!
Die Demokraten wirken ein bisschen satt

Düsseldorf. Arnulf Baring wünschte sich die Bürger auf die Barrikaden. Er erntete Spott. Denn die Demokraten sind trotz Politiker-Schelte ganz zufrieden mit dem, was ist. Von Reinhold Michels

Zu Wochenbeginn las ich ein Zitat des Musikers Marius Müller-Westernhagen: "Die Menschen sind derart entpolitisiert worden, dass sie zu dumm für Demokratie geworden sind." Man soll ernst gemeinte Statements ernst nehmen. Das gilt auch für Ansichten großer oder kleiner Meister des Unterhaltungsfachs, zu dem Müller-Westernhagen zählt.

Hat er recht mit seiner Aussage? Meine Antwort: Ein kräftiges Sowohl-als-auch.

In der Anklage stecken drei Vorwürfe: an diejenigen, die die Menschen entpolitisiert haben und an die Menschen, die sich entpolitisieren ließen und deshalb die schwierige Staatsform Demokratie nicht mehr begreifen. Das wäre dann - wider den Geist der Aufklärung - der Eintritt des Menschen in seine selbst verschuldete Unmündigkeit.

Zum ersten Vorwurf: Kein Mitglied des politischen Betriebs sieht es gerne, wenn ständig von draußen Einfluss genommen, salopp: reingequasselt wird. Vergessen Sie den billigen Lobpreis vom "mündigen Bürger", er ist Teil politischer Märchenstunden. Die seltsame Begeisterung der Deutschen für große Koalitionen, runde Tische und präsidial agierende Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschland AG erleichtert den politisch Einflussreichen ihr Geschäftsmodell: regieren, moderieren, Schein-Wahlkämpfe anzetteln, sich wiederwählen lassen.

Zum zweiten Vorwurf: Als Publizist Arnulf Baring einst Demokraten wachrütteln wollte und "Bürger, auf die Barrikaden!" rief, erntete der alte Feuerkopf nichts als Spott. Die Bürger mögen zwar zu Hause und unter Freunden über Politiker herziehen, sie zum Teufel wünschen und ihren Politikverdruss zu Protokoll geben - aber sie sind beschäftigt mit den Pflichten des Tages, so dass sie ganz zufrieden damit sind, dass die Gewählten das große Ganze im Blick haben. Im Übrigen: Man reise für wenige Wochen ins Ausland und man wird feststellen: Uns Deutschen geht es vergleichsweise sehr gut. Könnte das nicht auch an einer alles in allem ordentlichen Politik liegen?

Zum dritten Vorwurf: Es zeugt nicht von Klugheit, die Landsleute für zu dumm für die Demokratie zu halten. Die Demokraten wirken zwar ein bisschen satt und zufrieden, den politischen Verstand verloren haben sie aber mitnichten. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Wahr ist, dass die politischen Prozesse in der Bundes-, Europa- und Weltliga kniffliger geworden sind, dass es deshalb mehr denn je darauf ankommt, dass gewählte Volksvertreter die Dinge durchschauen, vertrauenserweckend reden und handeln und den Nutzen des Volkes mehren.

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