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Kolumne: Mit Verlaub!
Dunkle Wolken über unserer Wohlstands-Insel

Kolumne: Mit Verlaub!: Dunkle Wolken über unserer Wohlstands-Insel
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Düsseldorf. Pessimismus ist leider angebracht. Ein Blick auf Zeitläufte und politisches Führungsversagen lässt fragen: Eisberg voraus? Oder haben wir ihn bereits gerammt? Von Reinhold Michels

Zwei Interviews gehen mir nicht aus dem Sinn: die Gespräche des Historikers Paul Nolte mit dem Zürcher "Tagesanzeiger" im Juni sowie des Malers und Bildhauers Markus Lüpertz in dieser Zeitung im Juli. Sowohl der Wissenschaftler als auch der Künstler drückten aus, was Menschen mit weniger entwickelten Sensoren für Zeitläufte ahnen: dass wir auf unseren westlichen Wohlstandsinselchen zu unbekümmert wie einst die Passagiere auf der "Titanic" leben, denen noch nach dem fatalen Rencontre mit dem Eisberg die Bordkapelle zum Tanz aufspielte.

Nolte konstatierte, dass ihn die politischen Krisen an die frühen 30er Jahre im Deutschland des vergangenen Jahrhunderts erinnerten. Wir wissen: Dem größten anzunehmenden Unfall der deutschen und europäischen Geschichte gingen Blindheit vor heraufziehenden Gefahren und Führungsversagen voraus. Lüpertz skizziert mangelnden Willen und fehlende Fähigkeit zum Frieden, bei gleichzeitigem Spaß an allerlei Allotria als Indizien der Zeitenwende. Nach 70 Jahren Frieden in Europa drehten die Menschen durch, wollten Ferien und Schnickschnack. Man habe zwar die Demokratie erlernt, aber die Fähigkeit verlernt, mit ihr umzugehen.

Ist Ihnen das zu pessimistisch? Dann schauen Sie auf das trostlose Tableau an Führungspersönlichkeiten in den obersten Etagen der Politik. In dem immer noch imposanten Land, das sich als "Nation under God" begreift, verbeißen sich zwei Präsidentschaftskandidaten ineinander. Der eine verkörpert noch weniger als die andere, was die USA sein wollen (sollen): Führer der freien Welt. Donald Trump ist unwürdig, Hillary Clinton unglaubwürdig. Sie stand, als es 2002/2003 um Ja oder Nein zu dem schändlichen und politisch strohdummen Irakfeldzug ging, an der Seite George W. Bushs, der nach internationalen Maßstäben vor den Kriegsgerichtshof gehört hätte. Ein Jahrzehnt bevor der Landräuber Putin wie zu alten Zeiten Krieg als Mittel der Politik einsetzte, tat es George W. Bush. Clinton stimmte ihm im US-Senat zu.

Der Blick nach Europa verheißt kaum Besseres. Die deutsche Kanzlerin: ausgelaugt und fehleranfällig. Frankreichs Staatschef: ein Ritter von der traurigen Gestalt. Britannien: vorerst nicht kalkulierbar. Die EU-Führung: Zwei komische Alte (Martin Schulz und Jean-Claude Juncker) verwalten das große Erbe, ohne es mehren zu können. Noch auf dem Tableau: die gerissenen eurasischen Halbdiktatoren Putin und Erdogan.

Wer da keine dunklen Wolken aufziehen sieht ...

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