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Mit Verlaub!
Hohes Haus und niedere Instinkte

Mit Verlaub!: Hohes Haus und niedere Instinkte
FOTO: RP
In Talkshows wird palavert. Im Netz wird gesudelt. Und im Bundestag? Langweilt der uns etwa? Schon ist wieder von "Schwatzbude" die Rede.

Viele Menschen sind zu gut erzogen, um mit vollem Mund zu reden, aber sie haben keinerlei Bedenken, es mit leerem Kopf zu tun. Der große Künstler Orson Welles, von dem der Satz stammt, kannte die sogenannten sozialen Netzwerke nicht, die einem wegen bodenloser Einträge und Flegeleien oft wie asoziale Netzwerke vorkommen. Vielleicht müsste man das Zitat heute so zuspitzen: Viele Zeitgenossen, die bei Facebook sudeln wie eine Rotte Keiler im Maisfeld, äußern sich mit vollem Mund und ohne Sinn und Verstand.

Was kann die Politik tun? Da muss doch die Politik etwas tun! Mit der Frage sind wir fix auf der Lichtung "des politischen Diskurses", wie es vornehm heißt. Die Talkshow-Branche lebt nicht schlecht davon, solche "Diskurse" voranzutreiben. Sie münden zwar in der Regel im argumentativen Nirgendwo, aber, da wir ja nun in das vor lauter falschem Gold glitzernde Zeitalter des Trumpismus eintreten, ließe sich zeitgerecht sagen: There is no business like showbusiness.

Respekt vor der demokratischen Urzelle

Sind wir überhaupt ernsthaft an einer Entwicklung interessiert, welche die Zeit zurückdreht und in der die uns alle angehenden wichtigen Fragen wieder unter großer Anteilnahme im "Hohen Haus" debattiert werden? "Hohes Haus" wurde einst so feierlich wie selbstverständlich der Deutsche Bundestag genannt. Da schwang Respekt vor der demokratischen Urzelle mit, auch weil sich dort in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik eine stattliche Zahl begnadeter Parlamentarier die Köpfe heiß, gelegentlich politisch um Kopf und Kragen redete. Da ging es um Nato-Mitgliedschaft, Landesverrat, Pressefreiheit, Ostverträge, Mitbestimmung, Nachrüstung des Westens, schnelle oder zögerliche Schritte zur Wiedervereinigung, die Aufgabe der D-Mark, die Achsverschiebung von Bonn nach Berlin.

Wer weiß, ob nicht heute etwa die Bonn/Berlin-Thematik leidenschaftlicher und unter größerer öffentlicher Anteilnahme bei Illner, Maischberger, Lanz und Co. beredet würde als in dem Haus der gewählten Volksvertreter. Mit Verlaub, warum regt sich kaum jemand darüber auf, dass das "Hohe Haus" den demokratischen Souverän langweilt, ja, dass in sozialen/asozialen Netzwerken der Nazi-und Kommunisten-Jargon vom Parlament als "Schwatzbude" wieder gebräuchlich wird? Liegt uns genug an der parlamentarischen Demokratie? Halten wir sie wirklich für die beste Staatsform? Oder genügt es uns, dass sich jeder für sich allein "im Netz" austoben kann?

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