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Kolumne: Mit Verlaub!
Warum nicht Verfassungsrichter Di Fabio?

Düsseldorf. Die politische Klasse in Berlin ringt um einen brauchbaren Bundespräsidenten und betreibt dabei ihren Ansehensverlust. Es gäbe Alternativen. Von Reinhold Michels

Wir belächeln die Österreicher und deren zuletzt drolligen Fehlversuche, einen Bundespräsidenten zu wählen. Aber die Verwandten im Süden können demnächst tun, was uns verwehrt bleibt - in einer Volksabstimmung zwischen zwei Kandidaten wählen, die sich politisch gewaltig voneinander unterscheiden: dem konservativ-nationalen Ex-Burschenschaftler Norbert Hofer und dem linksliberal-grünen Alexander Van der Bellen. Alle Achtung, liebe Österreicher, ihr habt eine echte politische Alternative.

Bei uns dagegen herrscht seit Monaten Kommunikations-Stille darüber, welcher mögliche Kandidat Gnade findet vor den Augen einer klitzekleinen Findungskommission. Das ist kümmerlich, und es zeigt den geringen Stellenwert, den das Berliner Machtzentrum dem Bundespräsidentenamt beimisst. Es gibt den sprichwörtlichen Wolf im Schafspelz; der zwischen Parteispitzen ausgekungelte und von dem Eintagsfliegen-Gremium namens Bundesversammlung gewählte erste Bürger des Landes ist und bleibt nach Einschätzung der wirklich Mächtigen ein Schaf im Hermelin.

Umso wichtiger wäre es, einen starken Charakter zu finden, der uns Bürgern ein Aha-Erlebnis beschert. Stattdessen sickern Namens-Rinnsale, bei deren Sichtung sich diejenigen, die überhaupt noch interessiert sind, fragen, ob die politische Klasse mit Bedacht ihren Ansehensverlust betreibt. Das Präsidentenamt könnte richtungsweisend sein, wenn es von einem klugen Menschen mit politischem Verstand und Rückgrat ausgefüllt würde.

Andreas Voßkuhle, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, wäre eine solche Persönlichkeit. Wie man hört, hat er wie 2012 ein weiteres Mal abgesagt. Er wird seine Pappenheimer in Berlin kennen. Ein politikerfahrener, seit wenigen Jahren politikferner Kandidat von Rang wäre Voßkuhles Senatskollege Peter Müller. Der frühere Saarland-Regierungschef ist gescheit, humorvoll und gesellig. Ehre einlegen könnte unser Staat mit dem liberal-konservativen Staatsrechtler Udo Di Fabio, einem Enkel italienischer Einwanderer mit stupender Aufsteiger-Karriere. Der Bonner Familienvater verbindet hohe Intellektualität mit Beredsamkeit und Sinn fürs Politische. Er könnte zu einem zweiten Roman Herzog werden. Di Fabio füllte jedes Paar großer Vorgänger-Schuhe.

Leider wird man ihn nicht darin gehen lassen. Denn den Sozis ist er zu wenig links, und Merkel erschien er in der juristisch-politischen Einschätzung ihrer umstrittenen Zuwanderungspolitik als zu widerständig und CSU-nah.

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Quelle: RP
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