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Kolumne: Mit Verlaub!
Kritik an der Kanzlerin ist kein Mobbing

Kolumne: Mit Verlaub!: Kritik an der Kanzlerin ist kein Mobbing
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Düsseldorf. Politiker in Spitzenämtern müssen aus ganz hartem Holz geschnitzt sein, sonst haben sie dort nichts verloren. Auf Angela Merkel trifft das zu - gegen Kritik muss die Kanzlerin niemand in Schutz nehmen. Von Reinhold Michels

Susanne Gaschke ist eine wache Journalistin aus dem Norden. Als Oberbürgermeisterin in Kiel war sie gescheitert, nicht zuletzt an Intrigen. Als sie 2013 nach knapp einem Dienstjahr zurücktrat, machte Gaschke auch die Medien verantwortlich für ihr Scheitern. Jakob Augstein nahm ihr das damals offenbar übel und schrieb der Kollegin dies ins Stammbuch: Sie sei nicht das Opfer irgendwelcher Intrigen geworden, sondern einfach eine schlechte Politikerin gewesen. Im Übrigen sei Politik kein Spielplatz. Rumms. Das saß. Es erinnert an den berühmten Satz eines US-Präsidenten: "Wer keine Hitze verträgt, hat in der Küche nichts verloren."

Nun wäre diese Erinnerung längst verblasst, hätte Gaschke sich nicht in die Diskussion um die Medienkritik an der Bundeskanzlerin eingemischt und den Medien, die Merkels Politik kritisieren, "Mobbing" vorgeworfen. Gaschke tadelt Respektlosigkeit gegenüber der Kanzlerin und wittert sogar einen publizistischen Vernichtungsfeldzug, der sie an Christian Wulff und Peer Steinbrück erinnert.

Nun kann man Angela Merkel manches vorwerfen, aber eines nicht: Dass sie die "Hitze in der Küche" nicht aushalte. Ihre stoisch wirkende Ruhe auf zuletzt immer deftigere Kritik von Opposition, CSU und Presse ist fast schon aufreizend. Für das politische Überleben im anstrengendsten Amt der deutschen Politik ist diese Art von Unerschütterlichkeit unentbehrlich.

Wer Kanzler werden will oder es bereits ist, muss eben aus ganz hartem Holz geschnitzt sein. Ist er es nicht, wird er von Konkurrenten, Neidern und Medien mitleidslos zum weichen Gehölz sortiert. Und das ist im Interesse des Landes auch gut so.

Merkel erfährt bei Presse und Opposition in ihrer wahrscheinlich zu langen Kanzlerschaft erst vergleichsweise spät und noch relativ maßvoll das, was Amtsvorgänger wie Helmut Kohl oder Willy Brandt von Beginn ihrer jeweiligen Regierungszeiten an aushalten mussten: Fragen nach ihrer Tauglichkeit, böse Herabsetzungen in Wörtern und Fotos.

Merkel wird jetzt von Sockeln geholt, auf die sie sich nicht selbst gestellt hat und auf die sie auch nicht gehört. Für massive Kritik beispielsweise an ihrer Zuwanderungs- oder Energiewende-Politik gibt es triftige Gründe. Und womöglich weiß sie das sogar.

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