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Kolumne: Mit Verlaub!
Über Nacht kommt nur der Krieg

Kolumne: Mit Verlaub!: Über Nacht kommt nur der Krieg
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Düsseldorf. Hans-Dietrich Genscher wäre nie auf die törichte Idee gekommen, sich offen oder klammheimlich über den fortschreitenden Niedergang Russlands zu freuen. Man sollte das Riesenland nicht verächtlich links liegen lassen. Von Reinhold Michels

Hans-Dietrich Genscher, der vor wenigen Tagen zu Grabe getragen wurde und den der frühere US-Außenminister James Baker beim Staatsakt in Bonn einen "Titanen der Diplomatie" genannt hat, verstand deutsche Außenpolitik stets so, dass wir durch Tun oder Unterlassen darauf zu achten hätten, ein Volk der guten Nachbarn zu sein. Deshalb wäre Genscher, der als absichernd agierender Außenminister im Zusammenwirken mit dem drängenden "Marschall Vorwärts", Bundeskanzler Helmut Kohl, die Wiedervereinigung mit herbeigeführt hat, weder offen noch klammheimlich auf die Idee verfallen, sich über den neuerlichen Ölpreis- Schock für das ökonomisch weiter zurückfallende Russland zu freuen.

In den sogenannten sozialen Netzwerken, die in Wortwahl und Denkrichtung oft asozial erscheinen, machen sich dagegen viel Häme und Schadenfreude darüber breit, dass Putins Russland nach den jüngst geplatzten Opec-Vorhaben zur Drosselung der Erdölförderung nun wirtschaftlich noch mehr in die Knie gehe. Mit Verlaub, wer glaubt, dass ein am Boden liegendes europäisch- asiatisches Riesenreich in unserer näheren Nachbarschaft im deutschen Interesse sei, ist ein kurzsichtiger außenpolitischer Hasardeur.

Genscher vertrat stets die Auffassung, dass es Deutschland nur auf Dauer gut gehe, wenn dies so auch bei seinen Nachbarn der Fall sei. Bis kurz vor seinem Tod hat dieser bedeutende Nachkriegspolitiker, Jahrgang 1927, der noch Kriegsschrecken erlebt hatte, seinen Landsleuten und den Politikern zweierlei ans Herz gelegt: Europa zu stärken und die beschädigten deutsch-russischen Beziehungen zu reparieren und mit Klugheit und wechselseitiger Rücksichtnahme zu pflegen.

Auf einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung in Neuss konstatierte vor Kurzem der Präsident der Bundesakademie für Sicherheit, Karl- Heinz Kamp, Russland sei eine Macht im Niedergang, sie habe außer Waffen ein einziges Produkt auf dem Weltmarkt, nämlich fossile Brennstoffe. Wenn das stimmt, und wer wollte daran zweifeln, dann muss uns Deutschen und Europäern das zwar nicht den Schlaf rauben, aber auch nicht zufrieden-schläfrig oder gar überlegen-dünkelhaft machen.

Man möchte in dramatischem Tonfall ausrufen: Völker der Welt, schaut auf dieses Russland und lasst es in eurem Interesse nicht verächtlich links liegen. Noch einmal ein Appell Genschers in seinem 2015 erschienenen Buch "Meine Sicht der Dinge": Man solle mit langem Atem die historischen Chancen für neues Denken und Interessenausgleich wahrnehmen, denn: "Diese Chancen kommen nicht über Nacht. Über Nacht kommt nur der Krieg."

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