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Kolumne: Mit Verlaub!
Vernunft statt Kriegsrhetorik

Pazifistische Träumereien sind nach Paris fehl am Platz. "An die Waffen" zu schreien und von einer radikalisierten bürgerlichen Mitte zu reden, aber auch. Von Reinhold Michels

Für mein Gefühl nehmen manche Erwachsene in verantwortlichen staatlichen Positionen allzu fix das Wort vom Krieg in den Mund, der nun zu führen sei. Das kann daran liegen, dass die meisten von uns Mitteleuropäern Krieg nicht persönlich erlitten haben. Wer jetzt "Wir sind im Krieg" ruft, muss, will er nicht als Maulheld gelten, auch in den Krieg ziehen. Und wer das tut, muss zwingend schon zu Beginn darüber nachdenken, wie er aus dem Krieg wieder herausfindet.

Ich habe aus gegebenem Anlass im letzten Buch des 2014 verstorbenen Peter Scholl-Latour über "Das Scheitern des Westens im Orient" gelesen. Vorangestellt ist dem Werk ein Zitat aus Schillers " Wallenstein": "Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären." Man denkt an den verrückten Bush-Krieg gegen den Irak, den mittlerweile wenigstens einer der daran Beteiligten, Londons Ex-Premier Tony Blair, als großen Fehler bezeichnet. Will jemand bestreiten, dass diese böse Tat noch heute fortwährend Böses gebiert? Die Terrororganisation IS ist die schlimmste Missgeburt eines Krieges, in dem die nun erneut beschworenen Werte der westlichen Welt mit Stiefeln getreten wurden.

Das ist kein Plädoyer für Schafsgeduld und pazifistische Träumereien. Aber die "Leidenschaft zur Vernunft", die ein an Karl Popper geschulter Homo politicus wie Helmut Schmidt für seine Zunft forderte, die darf man auch in diesen Tagen emotionsgeladener Kriegsrhetorik von Führungskräften erwarten.

In dem Zusammenhang gefiel mir ein nachdenklich stimmendes Interview in unserer Zeitung mit dem CDU-Chef in NRW, Armin Laschet. Er griff die gute alte Idee eines Kerneuropa auf und trat für eine wesentliche Stärkung der deutsch-französischen Achse in allen Fragen der Sicherheit ein. Laschet und andere besonnene Zeitgenossen stehen gegen Großsprecher, die sich eine radikalisierte bürgerliche Mitte wünschen - als ob das nicht ein Widerspruch in sich wäre. Mit Maß und Mitte und Vernunft seine Wege gehen, den Rechtsstaat achten, Freiheit und Sicherheit nicht als Gegensatz begreifen - dadurch zeichnet sich Bürgerlichkeit aus, gerade dann, wenn ringsum rhetorische Kugeln pfeifen.

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Quelle: RP
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