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Kolumne: Mit Verlaub!
Wann es Zeit ist zu gehen

Düsseldorf. Die drei großen Wahlverlierer Martin Schulz, Angela Merkel und Horst Seehofer sollten schleunigst Platz machen für frischere Kräfte. Schulz scheint das als Erster begriffen zu haben. Von Reinhold Michels

Nach dem Ausgang der Bundestagswahl, bei der SPD, CDU und CSU dezimiert und ihre Vorsitzenden Martin Schulz, Angela Merkel und Horst Seehofer schwer beschädigt wurden, habe ich in dem anregenden Buch von Moritz Küpper "Rücktritte: Über die Kunst, ein Amt zu verlassen" (Herausgeber: Ex-Kanzleramtsminister Bodo Hombach) geblättert und dieses Zitat des Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger gefunden: "Politik weist eindeutig Züge eines Suchtprozesses auf - inklusive Realitätsverlust."

Wer dächte bei dem Befund nicht an das Trio Schulz, Merkel, Seehofer. Der Noch-SPD-Chef, der in seiner Chancenlosigkeit zuletzt einem Ritter von der traurigen Gestalt glich, hat immerhin dem Wahldesaster sofort einen einsichtsvollen Teilrückzug folgen lassen und Platz gemacht für eine wahrscheinlich frischere SPD-Oppositionsarbeit unter Führung von Andrea Nahles. In Abwandlung eines berühmten Ratschlags der SPD-Ikone Willy Brandt möchte man zu Nahles sagen: "Vergesst mir die Eifelerin nicht."

Den politischen Dickhäutern und Routiniers Merkel und Seehofer, die von ihren Sympathisanten auf höchste Sockel gehievt wurden, fällt ein "Servus" schwerer als dem bundespolitischen Neuling Schulz, dessen Sockel bereits kurz nach Errichtung zu bröckeln begann. Merkel und Seehofer leiden zu lange an dem vom unvergessenen Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann beschriebenen "Höhenrausch".

Für die Haupt-Wahlverlierer der beiden Unionsparteien wäre ein eigentlich fälliger Rücktritt das, was für Abhängige der harte Entzug ist. Was Merkel und Seehofer am Wahltag widerfahren ist, würde in vergleichbaren Demütigungs-Fällen die meisten Unternehmensleitungen den Chefsessel kosten.

Sich für unentbehrlich zu halten, ist meist nichts anderes als die menschlich verständliche Angst vor dem Entzug nach dem Abschied von einem liebgewonnenen und in besseren Zeiten respektabel ausgefüllten Amt. Wer jedoch geht schon gerne freiwillig auf Entzug? Die Regierungsgeschichten der Bundesrepublik Deutschland sind voll von Kanzlern und Ministerpräsidenten, die glaubten und glauben, der Große Zapfenstreich gelte immer nur den anderen. Auch aus dem Grund wäre ein Verfassungsautomatismus nach der Devise "Zwei Amtszeiten, und dann Abtritt ins Austrags-Häusl" vernünftig.

Zum Schluss noch ein Zitat aus dem erwähnten Rücktritts-Buch. Es stammt vom spanischen Philosophen Baltasar Gracián: "Nicht abwarten, dass man eine untergehende Sonne sei. Es ist eine Regel der Klugen, die Dinge zu verlassen, ehe sie uns verlassen."

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Quelle: RP
 
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