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Amok und Social Media
Erst denken, dann posten!

Amok und Social Media: Erst denken, dann posten
Unser Autor Daniel Fiene. FOTO: RP
Meinung | Düsseldorf. Noch während die Polizei den Amokläufer von München suchte, posteten Menschen bei Twitter und Facebook Fotos und Videos. Am Stachus brach Panik aus, obwohl der Täter dort nie war. Das war schlimm. Aber: Social Media jetzt zu verteufeln wäre falsch.  Von Daniel Fiene

Wäre es ohne soziale Netzwerke am Freitagabend auch zur Massenpanik am Stachus gekommen? In einer ungeklärten Situation wurden Gerüchte nicht nur schnell zu Schlagzeilen, sondern brachten Menschen in traumatische Situationen. Bereits am Freitagabend kritisierte "Tagesthemen"-Moderator Thomas Roth Nutzer sozialer Netzwerke. Aus dem Aufruf der Münchener Polizei, keine Bilder von Polizisten im laufenden Einsatz zu posten, um möglichen Tätern mögliche Informationsvorteile zu verschaffen, machte Roth eine generelle Social-Media-Kritik. Das war undifferenziert, aber der Kern des Problems muss diskutiert werden.

Wieder haben wir gesehen: Emotionale Betroffenheit schürt den Mitteilungsdrang. Nicht nur bei Facebook und Twitter, sondern auch vor allem bei WhatsApp und E-Mails. Ich habe mitbekommen, wie auch bei uns im Rheinland Videos und Fotos angeblich von Freunden und Bekannten geteilt wurden. Ohne sie auf Echtheit zu prüfen. So stammte ein blutiges Foto —angeblich aus dem Inneren des Olympischen Einkaufszentrums— gar nicht aus München, sondern von einer Schießerei in Südafrika im Jahr 2015. Das fast jeder ungeprüft Informationen weiterleitet, ist das große Problem unserer Zeit.

"Alle suchen und rudern und orakeln", schrieb am Sonntag der ZDF-Moderator Jan Böhmermann nachdenklich auf seiner Facebook-Seite und sammelte mit seinem Ruf nach Vernunft innerhalb von zwei Stunden 50.000 Likes. "Beim Anblick der tollpatschigen Panikmaschine und der sachlichen, digitalen und zwischenmenschlichen Inkompetenz der dusseligen, aufgeregten Eventjournalisten wünscht man sich, der Münchener Polizeisprecher möge Chefredakteur sämtlicher deutscher 'Legacy-Medien' werden." Diesen Vorwurf müssen sich alle gefallen lassen, die am Freitagabend ungesicherte Informationen weiterverbreitet haben.

Ich persönlich habe mir vorgenommen, bei künftigen ähnlichen Ereignissen komplett auf Fotos und Videos zu verzichten. Bisher habe ich sie gepostet, wenn ich die Macher kannte. Im Nachhinein frage ich mich aber: Wo ist der Mehrwert? Es gibt ihn einfach nicht. Auf meinen privaten Profilen schalte ich auf Text um. Die Auswahl an Bildern überlasse ich Profis in Redaktionen, die mit einem geschulten Auge die Spreu vom Weizen trennen und Hysterie ausbremsen können. Wir alle können schlimme Momente wie die in München ertragbarer machen, wenn wir uns zurückhalten — egal ob im echten Gespräch oder in sozialen Netzwerken.

Social Media jetzt zu verteufeln ist auch falsch. Nur wenige Stunden nach den ersten Schlagzeilen auf Twitter haben sich unzählige Münchener auf Twitter gesammelt und unter dem Schlagwort #OffeneTür denen eine Bleibe geboten, die in dieser unklaren, angstmachenden Situation Unterschlupf suchten. Gelebte Solidarität.

Am Ende sind Social Media ein Werkzeug. Wir müssen lernen damit umzugehen. Vor diesem Hintergrund ist die Social-Media-Arbeit der Polizei München zu loben. Sie hat gezeigt, wie man die sozialen Netzwerke für eine konstruktive und helfende Kommunikation nutzen kann. Das sollte unser Anspruch sein.

(dafi)
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