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Kolumne: Total Digital
Das digitale Klassenzimmer

Kolumne: Total Digital: Das digitale Klassenzimmer
FOTO: Mathias Vietmeier
München. Unser gesamtes Bildungssystem scheint im Kaiserreich steckengeblieben zu sein. Dabei sind Programmieren und vernetztes Arbeiten wichtiger als Auswendiglernen. Von Richard Gutjahr

Wat is en Dampfmaschin'? Da stelle mer uns janz dumm und da sage mer: En Dampfmaschin, dat is eene jroße schwarze Raum, der hat hinten un vorn e Loch." Unvergessen: Physiklehrer Bömmel aus der "Feuerzangenbowle". Der Rühmann-Klassiker kam 1944 in die Kinos. Die Geschichte selbst spielt noch vor dem Ersten Weltkrieg.

Letzte Woche zog die Tochter eines Bekannten ihr Schulheft hervor. Heimat und Sachkunde, vierte Klasse Grundschule. Das Heft katapultierte mich in eine vergessene Zeit. Nicht nur, dass dieses Schulheft jenen ähnelte, die ich selbst jahrelang mit mir herumtrug. Von der Musterung, dem gelben Löschblatt, dem Geruch der sorgsam mit Uhu eingeklebten, auf Umweltschutz-Papier fotokopierten Arbeitsblätter: bis ins letzte Detail identisch!

Was mich so verblüfft: Meine Schulzeit liegt mehr als 30 Jahre zurück. Die Welt aber, in der wir heute leben, ist eine andere: Computer, Digitalkameras, Mobiltelefone, das Internet - all das scheint an unserem Bildungssystem komplett vorbeigegangen zu sein. Weder der Schulstoff noch die Hardware haben sich angepasst: Brockhaus, Schulatlas, Kreidetafeln.

Nun mag man sagen, es ist gut, dass Kinder die Grundlagen, also Lesen, Schreiben, Rechnen, noch beigebracht bekommen. Wie aber sollen Jugendliche den Wahrheitsgehalt eines Wikipedia-Eintrags beurteilen, wenn sie in der Schule noch mit dem Lexikon arbeiten? Wie sollen sie sich in einer zunehmend von Algorithmen gesteuerten Welt zurechtfinden, wenn nicht einmal die Lehrer verstehen, wie eine Suchmaschine funktioniert?

Unsere Klassenzimmer heute erinnern mehr an die Schulzeit von Hans Pfeiffer aus dem Kaiserreich als an das 21. Jahrhundert. Wäre es nicht höchste Eisenbahn, unsere Kinder professionell an die digitale Lebenswelt heranzuführen?

Wo sind die Tablets, die Apps, die audio-visuellen Lehrmittel, die spielerisch Wissen vermitteln? Warum basiert unser Schulsystem auf stoischem Auswendiglernen statt auf Problemlösung und vernetztem Arbeiten? Wie kann es sein, dass an dem Ort, von dem viele sagen, er sei das Fundament für alles, die Zeit stehengeblieben ist?

Wat is en Computer? Da stelle mer uns wieder janz dumm und da sage mer so: en Computer, dat is eene jroße schwarze Kasten, dat hat en Bildschirm und eene Tastatur. Was das mit Schule, der Zukunft und Arbeitsplätzen zu tun hat? Ich fürchte: dat krieje mer später.

Richard Gutjahr ist Moderator für das Bayerische Fernsehen und Blogger. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

Quelle: RP
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