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Kolumne: Total Digital
Das Essen der Anderen

Kolumne: Total Digital: Das Essen der Anderen
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Seattle. Foodporn, Gameporn, Alltagsporn – immer mehr Menschen schauen im Internet Fremden beim Essen, Spielen oder anderen banalen Alltagsbeschäftigungen zu. Von Ulrike Langer

Porn ist im Englischen der umgangssprachliche Begriff für Pornografie. Dieser Tage steht der Begriff "Porn" aber auch für banale Alltagsdinge, die man ins Internet stellt. Immer in der Hoffnung, dass es zumindest einige Fans oder Freunde gibt, die es interessiert, was man gerade isst, spielt oder einkauft, wie man sich die Zähne putzt oder welche Joggingstrecke man gerade abläuft.

Der Trend ist nicht neu. Twitter lud Nutzer vor neun Jahren mit der Frage: "Was machst Du gerade?" zur Banalisierung ihrer Tweets geradezu ein. Facebook war immer schon ein Hort der Banalitäten. Und dann gibt es Internetportale wie Twitch, wo man Nutzern beim Videospielen zuschauen kann. Manche Gamer können allein mit dem Voyeurismus anderer sogar ihren Lebensstil finanzieren.

Zum Beispiel Sonja Reid alias "OMGitsfirefoxx". Sie spielt zuhause "Minesweeper", trinkt dazu Rotwein und gibt nebenher beiläufige Tipps zum erfolgreichen Online-Dating. Manchmal lädt sie Gamer-Kolleginnen zu gemeinsamen Live-Übertragungen und einer Art Flaschendrehen ein. Dann muss diejenige, die am schnellsten 500 neue Abonnenten für ihren Videokanal gewonnen hat, live bei Twitch ihren Ex-Freund anrufen oder ähnliche Herausforderungen meistern.

Reid hat mehr als 750.000 Fans, die monatlich fünf Dollar dafür bezahlen, bei dieser Mischung aus E-Sports und Flaschendrehen live dabei sein zu dürfen. Die Einnahmen teilt sie sich mit dem Portal Twitch, ihren Job als Verkäuferin hat sie längst aufgegeben. Auch "Futureman", der in einem selbstgebauten Raumschiff-Cockpit sitzt und damit in vergangene Gaming-Epochen reist, kann von seinen Videokommentaren über "Battlefield 4" und ähnlichen Kriegsspielen längst sehr gut leben.

Amazon kaufte Twitch vor zwei Jahren für eine Milliarde Dollar und erweitert das Portal nun um neue Kanäle für "Social Eating" (vulgo: Foodporn). Ich habe keinen Zweifel daran, dass auch das funktionieren und ein Riesengeschäft wird. In Südkorea – dem Ursprung vieler skurriler Internettrends – scharen sich Teenager um Smartphones, auf denen gestreamt wird, wie eine Pizza geliefert oder ein Meerschweinchen gefüttert wird.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete vor zwei Jahren über Park Seo-Yeon, die 9000 Dollar im Monat damit verdient, vor einer Webcam zu sitzen und Nudeln mit Stäbchen zu essen. Das Internet ist voll mit Tipps, wie man ein Foodpornstar wird. Und ich bekenne mich: Auch ich stelle gelegentlich Fotos von Restaurantbesuchen oder selbstgekochten Gerichten bei Facebook ein und sehe gerne, was meine Freunde so essen. Bezahlen würde ich dafür allerdings nichts.

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Quelle: RP
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