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Der Attentäter live auf meinem Smartphone

Total Digital: Der Attentäter live auf meinem Smartphone
Daniel Fiene FOTO: RP
Düsseldorf. Extremisten, die ihre grausigen Taten direkt ins Internet streamen – eine Realität in Zeiten der sozialen Netzwerke. Doch wie soll die Gesellschaft damit umgehen? Und wie müssen Facebook und Co. darauf reagieren?

So schlimm es auch ist: Bei den jüngsten Attentaten geht es den Attentätern nicht mehr ausschließlich um die Zahl der Opfer, sondern darum, sie als Medienereignis zu inszenieren. Die Terroristen sorgen für eigenes Bildmaterial. Neuerdings sogar in Echtzeit. Sie senden live und nutzen dabei Apps von Facebook und Twitter. Wie heute vor einer Woche: Ein IS-Sympathisant ermordete in der Nähe von Paris einen Polizisten und dessen Freundin in deren gemeinsamem Haus. Kurz bevor die Polizei das Gelände stürmte, ging der Attentäter live auf Facebook auf Sendung und kündigte an, dass die EM zu einem "Friedhof" werden würde. Im Hintergrund sahen die Zuschauer das dreijährige Kind des ermordeten Paares.

Facebook macht bislang eine hilflose Figur

Das Video verschwand sehr schnell aus dem Netz, die Debatte bleibt. Facebook macht bislang eine hilflose Figur. "Terroristen und Anschläge haben keinen Platz auf Facebook", heißt es in einer Mitteilung. Man sei darauf angewiesen, dass Nutzer entsprechende Hinweise melden. Einigen Nutzern bleibt Terror auf Facebook also nicht erspart. Wollen wir das als Gesellschaft?

Christian Schicha, Professor für Medienethik, hat dazu eine klare Meinung: "Plattformen, die Inhalte zur Verfügung stellen, stehen auch in der Verantwortung." Es gebe Grenzen des Jugendschutzes, die eingehalten werden müssen. Entsprechend müssen Inhalte auch gefiltert werden. Schicha setzt für Erwachsene auf Konsumentensouveränität. Jeder kann entscheiden, was er konsumiert – egal ob es ein gewalttätiges Video oder ein einordnender Bericht durch die Medien ist.

Die Verbreitungsmöglichkeiten sind neu

Neu ist nicht die gewalttätigere Bildsprache, neu sind die neuen Verbreitungsmöglichkeiten. Die Berliner Professorin Charlotte Klonk forscht zum Thema Attentate als Medienereignis: "Wer sich die Videos anschaut und dann zirkulieren lässt, muss sich darüber im Klaren sein, dass man eigentlich zum Handlanger der Täter wird." In sozialen Medien haben wir den Umgang mit Terror noch nicht gelernt. Diese Phase gab es laut Klonk auch bei klassischen Medien. Sie nennt als Beispiel die Bilder von linksradikalen Attentaten in den 70ern: "Es wurden erschossene Attentäter auf der Titelseite farblich hervorgehoben." In der Vergangenheit waren Medien mit gewalttätigen Bildern nie zimperlich, heute haben sie den Umgang gelernt.

Müssen Angebote wie Facebook Live sich selber einschränken – oder eingeschränkt werden? Seitdem es Demokratie gibt, gibt es auch Extremisten, die Freiheit missbrauchen. Weniger Freiheit ist nicht die Lösung. In der Vergangenheit hat unsere Gesellschaft auch gelernt, mit neuen Herausforderungen umzugehen.

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Quelle: RP
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