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Kolumne: Total Digital
Edel-Espresso im Backsteinbüro

Kolumne: Total Digital: Edel-Espresso im Backsteinbüro
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Seattle. "Coworking-Spaces" als Teilzeit-Bürogemeinschaft bieten die beste aller Arbeitswelten in der Digitalökonomie: nette Kollegen, Neuigkeiten aus deren Branche – und sogar Selbstdisziplin. Von Ulrike Langer

Seit 22 Jahren habe ich keinen festen Arbeitsplatz mehr. Als freie Journalistin kann ich arbeiten, wann und wo ich will. In Seattle, 8000 Kilometer entfernt von meinen deutschen Auftraggebern. Spätabends, weil ich dann die besten Ideen, die meiste Motivation und die wenigste Ablenkung habe. Und an meinem Küchentisch, weil es dort am gemütlichsten ist.

Rund einmal in der Woche simuliere ich neuerdings aber einen "9 to 5 job" – so nennen Amerikaner reguläre Vollzeit-Bürojobs. Dann ziehe ich mit meinem Laptop für jeweils einen Tag in einen sogenannten Coworking Space: Ich bezahle freiwillig 100 Dollar (89 Euro) im Monat für die Option, an bis zu fünf Tagen im Monat in einem alten Lagerhaus in der Innenstadt von Seattle zu arbeiten. Dort gibt es superschnelles Internet, einen Postdienst, ein Schließfach und eine Edel-Espressomaschine, die ich mir selbst niemals leisten würde. Vor allem aber gibt es dort viele nette Kollegen.

Neuigkeiten aus der Technologiebranche in Seattle erfahre ich meistens hier. Etwas Besseres kann mir als Journalistin gar nicht passieren. Zugleich ufern die Gespräche nicht aus, denn wir sind ja zum Arbeiten hier. Das ist auch eine Form der Selbstdisziplinierung. Wenn um einen herum alle arbeiten, fällt es deutlich schwerer als allein am heimischen Küchentisch, 20 Mal am Tag nachzuschauen, was bei Facebook los ist.

Manche Coworking Spaces sind immer geöffnet, um den Bedürfnissen von Startup-Firmen und Dienstleistern in der Digitalwirtschaft gerecht zu werden. Die Gründer der neuen Tech-Unternehmen arbeiten meistens rund um die Uhr und verdienen noch zu wenig, um sich eigene Büroräume mit einer vergleichbar guten Ausstattung leisten zu können. Die meisten Coworking-Spaces mit cool klingenden Namen wie "WeWork", "MakerSpace" oder "Betahaus" in angesagten Locations (gerne in renovierten Lagerhallen oder Backsteingebäuden) entstehen deshalb in Technologie-Metropolen.

Manche Unternehmen in der Digitalwirtschaft haben gar keine richtige Zentrale mehr, sondern überall auf der Welt verstreute Mitarbeiter in Coworking-Spaces. Meine Teilzeit-Bürogemeinschaft ist übrigens nur von montags bis freitags geöffnet. Weshalb diese Kolumne fast immer an meinem Küchentisch entsteht. Mit viel Espresso aus meiner simplen Maschine.

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